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Der Wiederaufbau 1950

Chronologie der Geschichte:

Der schwere Anfang

Was der Krieg in der Usedomer Straße an baulicher Substanz übrig gelassen hatte, waren die durch Sprengbomben zertrümmerte Kirche, die Reste des Hinterhauses und das ausgebrannte Vorderhaus, von dem allein die Außenmauern standen. Die Ruinen konnten nur unter Lebensgefahr betreten werden. Der Gemeinde drohte die Enteignung des Grundstücks durch die Stadt, wenn sie nicht alsbald die Enttrümmerung – zu immensen Kosten – durchführen würde.

Es gab Verhandlungen, ob eine Teilenttrümmerung möglich sei, mit dem Ziel, vom Vorderhaus nur die oberen, einsturzgefährdeten Mauern abzutragen, unten eine Küsterwohnung mit Hilfe eines Notdaches herzurichten und auf den hinteren Fundamenten eine Holzbaracken-Kirche aufzubauen, die von der Lutherischen Kirche Amerika angeboten wurde. Weil sich aber eine Baugenehmigung dafür lange verzögerte, ließ man sich auch auf die Möglichkeit ein, für die Errichtung einer Notkirche das Grundstück gegen ein trümmerfreies Gelände an anderer Stelle im französischen Sektor einzutauschen.

In dieser Phase traf Pastor Dr. Gesch aus Leipzig im März 1948 in Berlin ein. Um eine Mietwohnung für ihn zu erhalten, hatte es sogar einen Antrag an die französische Militärregierung gegeben. Sofort übernahm er die Verhandlungen mit den Baubehörden, aber sie blieben erfolglos, und bald darauf brachten die Währungsreform und die Berliner Blockade alle bisherigen Bemühungen völlig zum Erliegen.

Gesamtberliner Baukommission

Doch nach einiger Zeit der Sorge wurden in West-Berlin mit dem Erfolg der Luftbrücke auch unerwartete Kräfte frei. Es wurde eine Baukommission ins Leben gerufen mit Teilnehmern aus allen drei Berliner Gemeinden. Auf ihrer zweiten Sitzung stellte Kirchenrat Schulz einen Entwurf des Architekten Helmut Krüger aus seiner Westgemeinde vor, der einen massiven Neubau mit einer Hallenkirche, einer Pfarrwohnung und einem Gemeinderaum vorsah – und zwar auf den Grundmauern der alten Kirche.

Es ist nichts überliefert über Bestrebungen, als Standort für die neue Kirche nun den vorderen Bereich an der Straße zu nehmen. Tatsache war jedenfalls, dass nur der Mittelbereich – weil nicht unterkellert – frei von statischen Problemen war, während die beschädigten Kellerbereiche vor einer Überbauung mit erheblichen Zusatzkosten hätten erneuert werden müssen. Inzwischen hatte die Stadt angeboten, die Enttrümmerung zu vertretbaren Kosten in die Wege zu leiten, wobei die Trümmersteine günstig zurückgekauft werden konnten.

Nach der Sprengung im April 1949 wurden die Steine in unzähligen Arbeitsstunden mit einfachstem Werkzeug wieder verwendbar gemacht, und was immer an Eisenträgern und Rohren in dem Schutt zu finden war, wurde aufbereitet, der Kleinschutt dagegen im hintersten Teil des Grundstücks angehäuft. Das alles geschah durch Jung und Alt, Frau und Mann – allen voran der alte Küster Oertwig, ein gelernter Maurer, und Martin Schälicke, gelernter Schlosser – beide waren in der Usedomer Straße 11 ausgebombt.

Gleichzeitig wurden die Bauplanungen konkretisiert und dem Amt eingereicht. Für die Bauausführung wurde der Architekt Erich Fleischer aus der Nord-Gemeinde eingesetzt, der bereits zuvor als ständiger Berater tätig war. Das Bauamt stoppte jedoch die geplante Konzeption, Pfarrhaus und Kirche in Längsrichtung hintereinander anzuordnen. Aus „architektonischen Gründen“ sollte stattdessen Kirche und Gemeindehaus T-förmig gestaltet werden, wobei die Kirche mit einer Schmalseite direkt am Nachbarhaus Nummer 12 zu errichten war.

Dementsprechend wurden nun neue Zeichnungen erstellt und wieder eingereicht – dann kam der nächste Einspruch: Das Amt hatte zu beanstanden, dass die „Nord-Gemeinde“ überhaupt nicht rechtsfähig war, somit nicht als Bauherr fungieren konnte. Und das stimmte tatsächlich, denn von Amts wegen war seit 1845 in Berlin stets nur die Gesamtkirche mit ihrem Sitz in der Annenstraße anerkannt – niemand hatte sich je um eine Aktualisierung gekümmert. Und dort – nun mit Pastor Schröter als Bauherrn – war dann folgerichtig das Baubüro einzurichten. Die Sektorengrenze bildete damals kein wesentliches Hindernis. Probleme gab es allerdings für die Baukasse, weil manches zwar mit der billigen Ostmark zu erhalten war, vieles aber mit der teuren Westmark bezahlt werden musste.

Gemeindehaus und Kirchsaal

Der Baubeginn für das Gemeindehaus als erster Phase erfolgte Mitte September 1949, und schon nach sechs Wochen war der Rohbau fertig. Allerdings ging dann der Innenausbau nur langsam voran, teils wegen der schwierigen Materialbeschaffung, teils wegen fehlerhafter Handwerkerleistung. Zur selben Zeit, als man auf der Baustelle auf den Einzugstermin Anfang Juli 1950 zuarbeitete, wurden die Planungen für den Kirchbau zur Reife gebracht. Anders noch als es frühere Ansichten zeigen – eine hohe Hallenkirche –, wurde nun zunächst ein Untergeschoss vorgesehen – als vorläufige Notkirche, die später zum Gemeindesaal werden sollte, mit der neuen Kirche darüber. Und im Grundrissplan wurde vorsorglich auf der Nordseite eine Zusatzfläche zur Genehmigung angemeldet, um der Kirche später eine noch größere Grundfläche geben zu können.

Am 28. August 1950 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung, und am 2. Advent konnte der Kirchsaal geweiht werden. Die Innenausstattung war bescheiden. Aber das große „gebeilte“ Holzkreuz an der Altarwand war trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit beeindruckend. Die vielen Säulen wurden natürlich nur ungern, aber aus Kostengründen, akzeptiert. Bevor 1952 die Orgel beschafft werden konnte, musste man mit einem geliehenen Harmonium zufrieden sein, das in dem Seitenraum stand, der Teil des Gemeindehauses war. Aber die Zeit von Gottesdiensten an fremdem Ort „zur Miete“ war überstanden. Fast ebenso wichtig wurde der kleine Gemeindesaal, obwohl er gemäß Bauakte nur als Teil der Pfarrwohnung galt. Hier fand Kinderunterricht statt, hier trafen sich Sängerchor und Bläserchor, Frauen-, Männer-, Jugendkreis und der Kirchenvorstand.

Das Gemeindehaus wurde 1957 nach vorne hin vergrößert – zwar relativ preisgünstig durch den sozialen Wohnungsbau und den Lastenausgleich, aber ein wesentlicher Wunsch musste unerfüllt bleiben: Der Wiederaufbau des 1943 zerstörten Vorderhauses an der Straße wurde vom Amt für Planung nicht erlaubt – ebenso wenig der des Hinterhauses –, auch nicht eine größere Höhe des Gemeindehauses. Entwurf und Durchführung erfolgten durch das Gemeindeglied Architekt Werner Neumann. Im Frühjahr 1958 konnten die Räume bezogen werden: Die neue Pfarrwohnung sowie zwei Mietwohnungen. Und in dem älteren Teil war nun Platz für die Küsterfamilie.

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