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Rückblick: Frühstück (nicht nur) für Frauen – Darwin und der Schöpfer

7. November 2017 • Marlies

„Ich halte Darwin für einen der größten Biologen.“ So begann Professor Scherer seinen Vortrag. Wie bitte? Das hatten wir ehrlich gesagt nicht erwartet von einem bekannten Kritiker der Evolutionstheorie. Aber eins nach dem anderen.

Als Referenten beim Frühstück (nicht nur) für Frauen in Berlin-Wedding am 9.9.2017 hatten wir Prof. Dr. Siegfried Scherer eingeladen. Er leitet den Lehrstuhl für Mikrobielle Ökologie an der Technischen Universität München und befasst sich u. a. mit Evolution. Früh um 9.00 kamen mehr als 40 wissenshungrige und kaffeedurstige Menschen aus vielen Berliner und Brandenburger Gemeinden, doch auch aus Hannover. Nach einem ausgiebigen Frühstück breitete sich um 10.00 eine erwartungsvolle Stille aus, als der Vortrag begann.

Ursprungsfragen sind Sinnfragen, sie haben eine religiöse und emotionale Dimension. Das ist der Grund, dass es bei Diskussionen um das Thema Evolution so polemisch zugeht. Beide Seiten – sowohl die Atheisten als auch die christlichen Kirchen – haben ihre Gegner mit Spott überhäuft. Doch unser Referent  bezog klar Position: „Ich mache seit vielen Jahren Wissenschaft, sie stand nie gegen Religion, sondern beide ergänzen sich. Ich möchte, dass wir auf eine gute, respektvolle Weise miteinander umgehen.“

Und dann kam er zurück zu seinem provokanten Eingangssatz: Darwin als herausragender Naturwissenschaftler hat vieles erkannt, was bis heute stimmt. So verändern sich Lebewesen im Lauf der Generationen, Hunde z. B. haben sich durch menschliche Zuchtwahl in verschiedene Richtungen weiterentwickelt. Auch in der Natur läuft das ab, beispielsweise die Schnirkelschnecken treten in sehr vielen Varianten auf. Die Vögel fressen die, die sie am Besten sehen – durch diese natürliche Selektion sind die Schnecken an ihre Umwelt perfekt angepasst. Und bei Darwinfinken kann man beobachten, wie aus einem Urahn 14 verschiedene Arten entstanden sind. Die Fähigkeit zur Mikro-Evolution (das ist eine Entwicklung nur auf Art- und Gattungsebene) ist laut Scherer ein grundlegendes Kennzeichen des Lebens, vom Schöpfer so angelegt.

Wer war eigentlich dieser Darwin? Charles Darwin studierte Theologie. Er lernte, dass Tier- und Pflanzenarten unveränderlich sind. Er hegte anfangs keinen Zweifel daran, dass jeder Teil der Bibel wortwörtlich wahr ist. Doch auf einer Forschungsreise erkannte er, dass Arten durch natürliche Prozesse entstehen. Deshalb bekam er erste Zweifel an der Bibel und ihrer Aussage, dass Gott alles nach seiner Art schuf.

Ähnliche Erfahrungen machte 100 Jahre vor ihm Carl von Linné, ein schwedischer Naturforscher, der die Grundlagen der Taxonomie (Klassifikation von Pflanzen und Tieren) schuf. Auch er bekam Zweifel an der damaligen Lehrmeinung, dass Arten unveränderlich seien. Doch im Gegensatz zu Darwin, der die ganze Bibel infrage stellte, fragte er sich nur: „Habe ich den Bibeltext richtig verstanden?“

Heute existieren verschiedene Ansichten, wie die Welt entstanden ist – mit oder ohne Gott. Doch Scherer machte deutlich: „Ich habe keinen einzigen Menschen getroffen, der gesagt hat, ich bin Christ geworden aufgrund der 6-Tage-Schöpfung – sondern weil er erkannt hat, was Jesus für ihn getan hat!“ Und er zitierte einen Mönch: „Wenn ich zu Gott komme, werde ich ihn vieles fragen – wenn es mich dann noch interessiert …“ Wir sollten uns als Christen also nicht über dieser Frage zerstreiten. Zustimmendes Kopfnicken begleitete diese Aussage. Und alle waren gespannt, wie es weiterging.

Denn jetzt kam der Knackpunkt, die große Streitfrage nach der Makroevolution: „Ist natürliche Evolution unbegrenzt?“ Nein, meinte Linne, höhere Einheiten wie Familien und Ordnungen könnten nicht natürlich entstehen. Doch, meinte Darwin, alles sei zufällig auseinander entstanden. Aber letztlich hatte er keine Vorstellung davon, auf welche Weise aus dem Einfachen das Komplexe entstehen könnte.

Scherer gab zwei Beispiele für diese bis heute unerklärliche Entstehung:

  1. Der „Super-Hyper-Ultra-Miniatur-Elektro-Rotationsmotor“, wie er es nannte: Die Ansatzstelle einer Geißel am Darmbakterium E. coli. Die Zelle ist nur 2 μm groß, ihre bis zu 15 Geißeln sind je 10 μm lang. Jede Geißel hat an ihrer Ansatzstelle einen „Motor“, der mit einer Arbeitsspannung von 25-200 mV und einer Drehzahl bis 100.000 rpm eine Höchstgeschwindigkeit von bis zu 50 μm/sec erreicht („Stellen Sie sich einen Porsche vor, der mit 800 km/h über die Straße braust!“).

Staunen von allen Seiten. Und das soll zufällig entstanden sein? Der Ursprung ist unbekannt, es gibt keine evolutionsbiologische Erklärung dafür. Hm. Was nun, Herr Darwin?

  1. Seit Miller im berühmten „Ursuppen-Experiment“ einfachste organische Moleküle aus anorganischen Bausteinen synthetisierte, indem er die vermutete Atmosphäre einer jungen Erde nachahmte, sind viele Jahrzehnte vergangen – doch der Entstehung einer Zelle aus unbelebter Materie ist die Wissenschaft noch keinen Schritt näher gekommen. Im Gegenteil, man ahnt erst langsam, wie kompliziert selbst die „primitivste Zelle“ aufgebaut ist. Den Beweis trat Scherer mit dem nächsten Bild auf der Leinwand an: ein Gewirr von Kästchen, Abkürzungen und Pfeilen, das die Stoffwechselvorgänge in der einfachsten denkbaren Zelle beschreibt. Und – das Beste kommt noch: „Das ist nur ein kleiner Ausschnitt daraus.“ Wir waren echt verblüfft, das hatten wir uns so nicht vorgestellt. Und das alles sollte zufällig entstanden sein, BEVOR die erste funktionsfähige Zelle vorhanden war?

„Der Stand der Wissenschaft“, so Scherer, „ist dieser: Der Ursprung des Lebens ist unbekannt!“ Und das betonte er noch einmal: „Ich sage nicht, dass es unmöglich ist, ich sage nur, wir wissen es nicht! Und das gilt für alle komplexen biologischen Strukturen.“

Wow. So viel Demut kann man all denen wünschen, die nur ein bisschen in die Materie hineingerochen haben und jetzt meinen, sie könnten die ganze Welt ohne Gott erklären …

Doch dann bekamen auch die anderen ihr Fett weg: „Ungelöste Probleme der Evolutionsbiologie sind kein Beweis für die Existenz eines Schöpfers.“ – Mit anderen Worten: Wir sollten gar nicht erst versuchen, Gott zu beweisen.

Die gleichen naturwissenschaftlichen Daten können sehr unterschiedlich interpretiert werden, da spielen Weltdeutungen und Weltanschauungen wie auch Erfahrungsdaten mit hinein. Man hat quasi immer eine „Brille“ auf, wenn man sich scheinbar unvoreingenommen mit den Daten beschäftigt. Ob man die Welt als Zufallsprodukt ansieht oder als Schöpfung, hängt von der „Brille“ ab, die man sich aufsetzt. Die Atheisten glauben schließlich auch, sagte Scherer.

Doch man kann die Welt auch als Schöpfung deuten. Francis S. Collins, ein berühmter Genetiker in den USA, schrieb ein Buch mit dem Titel „The Language of God“ (Die Sprache Gottes). Darin vertrat er die These, dass die DNA die Sprache Gottes ist, mit der Gott „durchs Wort“ geschaffen hat.

Scherer erzählte, wie er als Student einen Frosch sezieren und die Organe betrachten musste. „Ich wusste es: Das, was ich sehe, kann nicht Zufall sein!“ Wir können Gott erkennen an der Herrlichkeit der Schöpfung, denn die Natur spricht eine zweite Sprache, die jeder verstehen kann. Wir können aus dem Staunen heraus erkennen, dass Gott existiert. Aber Gott wohnt nicht in den ungelösten Problemen der Evolutionsbiologie, Er ist viel größer.

Kräftiger Beifall brandete auf, als er endete. Und dann tauchten viele Fragen auf, ein reger Austausch begann. Zuerst ging es um die naturwissenschaftliche Methodik, die eine agnostische Herangehensweise (= ohne göttliche Einflüsse) erzwingt. Das ist laut Scherer auch nicht anders möglich, aber die Wissenschaft solle offen in beide Richtungen sein und nicht einseitig die Existenz eines Schöpfergottes von vornherein ausschließen.

Die tiefste Ebene der Materie ist nicht die Energie, sondern die Information, so die neueste wissenschaftliche Erkenntnis. Dazu passt der Anfang des Johannes-Evangeliums: „Am Anfang war das Wort.“ Über die Schöpfungsgeschichte entbrannte eine lebhafte Diskussion. Doch der Referent stellte klar: Die Bibel macht keine naturwissenschaftlichen Aussagen, sondern ist Offenbarung. Umgekehrt kann die Naturwissenschaft ethische Fragen nicht beantworten.

Über die Entstehung des Menschen gab es auch verschiedene Meinungen, aber der Mensch besitzt gegenüber den Tieren ein Alleinstellungsmerkmal, das nicht evolutiv entstanden sein kann: Er kann beten und eine Beziehung zu Gott haben. Das ist laut Scherer die wichtigste Aussage dabei.

Um 12.00 ebbte die Diskussion allmählich ab, nur ganz Neugierige bedrängten den geduldigen Professor weiter mit Fragen. Es war ein gutes, gelungenes Frühstück, so bekräftigen viele der Anwesenden hinterher. Über das Thema und den Referenten kann man sich auf www.siegfriedscherer.de umfassend informieren.

In der Augustana-Gemeinde Berlin-Wedding finden etwa einmal im Jahr in loser Folge Frühstücke (nicht nur) für Frauen statt. Datum und Inhalt des nächsten Treffens sind noch offen, werden aber rechtzeitig bekannt gegeben.