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Rückblick: Frauenfrühstück am 05. Dezember 2015

23. März 2016 • Simon

Unser Gott ist Liebe

Frauenfrühstück: Erfahrungen der Kopten im Umgang mit Muslimen

Am 5.12. fand in der Augustana-Gemeinde Berlin-Wedding ein „Frühstück (nicht nur) für Frauen“ statt, zu dem als Referent der koptische Bischof Anba Damian eingeladen war. Lange war es angekündigt – die erste Anmeldung kam am 13.10., die letzte früh am 5.12. Insgesamt hatten sich 73 Teilnehmer angemeldet aus folgenden SELK-Gemeinden: 7 Gemeinden in Berlin, daneben Dresden, Fürstenwalde, Guben, Jabel, Köpenick, Magdeburg. Außerdem wurden auch Glieder der Ev. Landeskirche, der Baptisten, der Syrisch-Ortho­do­xen und der Koptischen Kirche gesichtet. Wir hatten vorsichtshalber für 80 Personen gedeckt, alle Tische wurden voll, einige mussten an der Seite auf den Bänken sitzen.

Schon früh um 8.00 schwirrten emsige Bienen hin und her, um alles für das große Ereignis vorzubereiten. Dann traf der Referent ein, in würdigem schwarzem Habit mit Bischofsstab, Turban und Kreuz. Bei den Kopten ist die Adventszeit Fastenzeit, d. h. sie essen kein Fleisch, keine Milchprodukte, keine Eier. Nur pflanzlich. Das bereitete einiges Kopfzerbrechen, wie bekommen wir den hohen Herrn satt? Doch die leckeren selbstgemachten Marmeladen taten das Ihre.

Als Bischof Damian in die Runde blickte und Alt-Bischof Dr. Jobst Schöne unter den Zuhörern erkannte, hopste er vom Podest und fiel ihm um den Hals. Mit ihm und Bischof Hans-Jörg Voigt verbindet ihn eine enge Freundschaft, sie kennen sich aus ökumenischen Gesprächen.

„Kopten sind die Urform der Ägypter“, be­gann Bischof Damian seinen Vortrag. Lange vor der Invasion durch Araber existierten die Kopten als christliches Volk in Ägyp­ten. Die Kirche geht auf den Evangelisten Markus zurück, der im Jahr 41 n. Chr. in Ägypten missionierte. Sie ist auch der Ursprung des Mönchtums, der Ägypter Pa­chom gründete die ersten Klöster. Keine an­dere Kirche hat so viele Märtyrer wie die Kopten: Vor Beginn der islamischen Herrschaft gab es eine Million koptischer Märtyrer, seitdem kam eine weitere Million dazu. Als die Muslime im Jahr 635 das christliche Ägypten überfielen, zwangen sie den Einwohnern den Islam auf mit Gewalt, Morddrohungen und Auferlegung einer Kopfsteuer von 70 % des Einkommens, die sich nur die Reichsten leisten konnten. Um das Jahr 1000 war nur noch die Hälfte Christen, heute sind es etwa 20 %. Die Tatsache, dass überhaupt noch Christen in Ägypten leben, ist ein Wunder. Sie sind heute in Ägypten wie Bürger 2. Klasse, ohne Rechte, ohne Schutz. Ägyptische Richter verurteilen Verbrecher nicht, sobald die Opfer Chris­ten sind. Kirchen wurden in Brand gesteckt, Mädchen entführt und zwangsverheiratet. Von der Regierung kamen früher nur verbale Blumen, keine echte Hilfe.

Der jetzige ägyptische Präsident al-Sisi hielt am Neujahrstag 2015 in der Al-Azhar-Moschee in Kairo eine vielbeachtete Rede. Er forderte von der islamischen Geistlichkeit eine „religiöse Revolution“. Es sei unfassbar, dass das, was die Muslime als ihr religiöses und heiliges Erbe be­trach­teten, für sie selbst und den Rest der Welt als Quelle der Angst, der Gefahr, des Mordens und der Zerstörung wahrgenommen wird. Doch die Muslim-Bruder­schaft in Ägypten reagierte auf ihre Weise: Inner­halb von 4 Tagen setzte sie 96 Kirchen in Brand. Die Aggressivität hat zugenommen, in manchen Dörfern hängen Zettel an der Wand: „Wenn du nicht verschwindest aus deinem Haus, wirst du getötet!“ In manchen Gegenden wird eine „Kopf­steu­er“ von Christen verlangt wie damals. Reiche werden erpresst: „Wenn du in 5 Stunden nicht 500.000 auf den Tisch legst, ist dein Kind …“ Mädchen und Frauen ohne Kopftuch sind in Gefahr, entführt zu werden.

In den letzten Jahren sind 6.000 Kopten nach Deutschland gekommen. 1997 hat die Koptische Kirche in Deutschland eine große ehemalige Militärkaserne erworben. Dort baute sie eine Stätte für ökumenische Begegnungen auf; seit Oktober 2014 werden auf diesem Gelände Flüchtlinge untergebracht. Dort wurde auch ein Raum für die muslimischen Gottesdienste eingerichtet. Die Kopten zahlen nicht mit gleicher Münze zurück, sondern geben den Muslimen sogar ihren eigenen Raum zum Beten!

Laut Damian sollte man unterscheiden zwischen Muslimen und Islam. „Der Islam gehört zu Deutschland“ ist falsch, wir können nur sagen, Muslime gehören zu Deutsch­land. Wir sollten lernen zu unterscheiden zwischen Lehre und Menschen, diese sollten wir nicht pauschal verurteilen wegen ihrer Religion. Statt zu verurteilen, sollten wir ins Gespräch kommen mit Muslimen. Bischof Damian fragte uns direkt: „Warum schweigt ihr? Warum verbergt ihr euren Glauben?“ Wir sollen mit Muslimen reden, ohne ihre Gefühle zu verletzen. Jemanden zu beleidigen, hilft nicht – stattdessen sollen wir über Christus reden, seine Liebe ist wirkungsvoller als Hass. Allerdings ist nach Damian Liebe ohne Weisheit nur Dummheit. Wenn ein Arzt einen Patienten mit einer infektiösen Krankheit behandelt, dann passt er auf, dass er sich nicht dabei selbst ansteckt.

Eine Frage brannte den Zuhörern auf der Seele: Was müsste in Deutschland passieren, dass wir hier nicht auch bald nur noch 20 % Christen sind? Dazu meinte Damian: Wir sollten die Menschen aufklären, dass wir nicht Kinder hassen, sondern wieder mehr Kinder in die Welt setzen. Wir müssen es aushalten, wenn Kinder schreien im Gottesdienst. „Lasst die Kinder sich entfalten, seid tolerant!“ Spon­taner Applaus gab ihm Recht.

Die Anwesenheit der Muslime unter uns kann eine Chance sein. Viele Menschen haben ihr Heimatland verlassen, weil sie die Liebe Christi gespürt haben – „Zeigen Sie ihnen Christus!“ Der oberste Scheich der Sunniten soll gesagt haben: „Wenn ich die Bergpredigt lese, kann ich meine Tränen nicht kontrollieren.“ Dazu Bischof Damian: „Wir haben einen Schatz!“ Zum Schluss kam eine Stimme aus dem Publikum: Ein 9-jähriger muslimischer Junge fragt den Pastor: „Glaubt ihr an Gott? Wir auch, aber wir haben Angst vor ihm!“ – Das ist der Unterschied, wir Christen brau­chen keine Angst zu haben, unser Gott ist Liebe.