Skip to Content

Predigt zum Vorletzten Sonntag im Kirchenjahr

26. November 2020 • Marlies

2. Kor 5, 1–10

Denn wir wissen: Wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: Solange wir im Leibe wohnen, weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsre Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen. Denn wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi, damit jeder seinen Lohn empfange für das, was er getan hat bei Lebzeiten, es sei gut oder böse.

Liebe Gemeinde, Vorfreude ist etwas ganz besonders Schönes. Man denkt lange schon zuvor daran, stellt sich in Bildern innerlich vor Augen, was da kommt. Und ist in Gedanken oft damit beschäftigt.

Der Apostel Paulus tut etwas ganz Ähnliches. Er freut sich auf das, was der Herr für ihn selbst und alle seine Gemeindeglieder bereithält. Vor seinem inneren Auge erscheint etwas, was er als das Leben beim Herrn Christus sieht. Dann, wenn wir unser irdisches Haus, unsern jetzigen Leib und unser jetziges Leben verlassen werden und bei Christus sein werden. Wie es dann sein wird. Was dann alles anders sein wird.

Da wird es nicht mehr so sein wie jetzt, dass wir in einem Leibe stecken voller Tücken und Beschwernisse. Nein, dieser Leib, unsere jetzige Hütte, in der wir wohnen müssen, diese Hütte wird abgebrochen sein. Und Gott wird ein neues Haus für uns errichtet haben, einen neuen Leib, der mit dem, was wir jetzt wissen und kennen, nicht mehr vergleichbar sein wird. Und Paulus tut genau das, was ich vorhin schon beschrieben habe: Er sehnt sich danach. Nach diesem Neuen, nach diesem Unbekannten, nach diesem großen „Dann“. Er sieht schon das Neue. Das nicht mehr so sein wird wie das Alte, in dem wir seufzen und voller Beschwernisse sind. Dieser alte Leib, diese alte Hütte muss abgebrochen werden und Gott wird ein neues Haus geben, in das wir einziehen.

Aber: Wir haben Angst davor. Nackt wollen wir nicht dastehen, sagt Paulus. Wir wollen überkleidet sein; unsere Seele wohnt jetzt in dem alten Leib und den wollen wir nicht verlassen: Wir haben Angst davor. Denn ohne unseren Leib wären wir nackt und unbekleidet. – Auch wenn wir sogar „wissen“, wie Paulus sagt, dass wir umziehen müssen und eine neue Behausung von Gott bekommen werden: Wir haben Angst davor, diesen Schritt tun zu müssen. Wir hängen an diesem Leben, wir tun alles, um dieses Leben zu erhalten. Wir pflegen unseren Körper, wir bringen ihn zum Arzt und notfalls ins Krankenhaus. Wir lassen uns Prothesen einsetzen und verwenden schärfste Medikamente, nur um nicht vorzeitig aus dieser Behausung zu scheiden. So sind wir. Das ist ganz normal. Im Normalfall geht es allen Menschen ganz genau so. Wir hängen an diesem Leben.

Aber es gibt auch die andere Seite. Immer wieder trifft man alte Menschen, die lieber heute als morgen den Weg zum Herrn Christus gehen wollen. Sie sind des Lebens satt, sie sehen keinen rechten Sinn mehr in ihrem Dasein, sie sind allein, sehen vielleicht nur noch die sehr beschwerlichen Seiten, sehen die schwindenden Kräfte und sehen, dass es sich unangenehm anfühlt, wenn man vielleicht nur noch anderen Menschen zur Last fällt.

Wen wundert es da, dass vielerorts überlegt wird, ob es denn nicht viel sinnvoller ist, seinem eigenen Leben beizeiten ein Ende zu setzen, aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Seit diesem Jahr haben wir gesetzliche Regelungen, die genau besagen, was erlaubt ist und was nicht. Neben das menschenwürdige Leben tritt dann das selbstbestimmte, menschenwürdige Sterben, wie man hört. Bislang galt es als größte und erste Pflicht eines Christenmenschen, das eigene Leben und das Leben anderer zu erhalten. Jetzt ist dies aufgeweicht zu Gunsten einer Selbstbestimmung. Was ist daran schlimm? – Schlimm daran ist, liebe Gemeinde, dass Menschen meinen, sie hätten das Recht dazu. Wer sich keinem Herrn, keinem Gott und Schöpfer verantwortlich weiß, für den ist das ein völlig logischer Gedanke. Warum soll ich mich durch dieses Leben quälen, wenn es nicht nötig ist? Warum kann ich nicht alle angenehmen Dinge in Empfang nehmen, und dann, wenn es irgendwie unangenehm wird, dann sage ich: Nein danke – mit mir bitte nicht? Als Christ weiß ich: Ich habe mein Leben von Gott erhalten. Er hat mich geschaffen, wie alle anderen Kreaturen auch. Und ich lebe, solange es sein Wille ist. Ihm allein steht es zu, dieses menschliche Leben zu beenden. Ich darf anderen Menschen nicht das Leben nehmen, und auch bei mir selbst habe ich nicht das Recht dazu.

Ich kann dafür sorgen, dass die Apparatemedizin eingeschränkt und lebensverlängernde Maßnahmen nicht eingesetzt werden. Ich kann verfügen, dass dann, wenn keine Aussicht mehr besteht, dem Herrn nicht durch medizinische Kunstgriffe sein Recht zur Beendigung meines Lebens genommen wird. Ich kann mich darauf verlassen, dass die Schmerzmedizin mir schon manches erleichtert. Für mich kann ich das alles so sehen und tun. Was der Herr dazu sagt, wenn Menschen in Extremsituationen anders handeln, weiß ich nicht. Es gibt Todesarten, die wünsche ich niemandem. Und ich möchte über niemanden urteilen, der dann anders handelt, wenn Menschen aus Angst anders handeln. Ich möchte aber der Vorstellung wehren, dass es mir oder irgendjemandem erlaubt sei, aus Gründen der Leidensscheu einfach sein Leben zu beenden und somit in Gottes Hoheitsgebiet einzugreifen. Wenn unser Bau, unsere irdische Hütte abgebrochen wird, ist allen, die Christus angehören, ein neues Haus verheißen, das nicht mit Händen gemacht ist, das ewig ist, bei Gott im Himmel.

Das ist uns versprochen, seit unserer Heiligen Taufe. Da hat uns Gott den Heiligen Geist gegeben, da hat er uns in die Schicksalsgemeinschaft des Herrn Christus hineingenommen, der nun, weiß Gott, auch keinen einfachen Tod hatte. Und wir sind in sein Auferstehen hineingenommen, worauf wir uns freuen dürfen.

Und damit sind wir wieder beim Thema: die Vorfreude auf das Leben bei dem Herrn Jesus Christus. Paulus schreibt: „Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn. Darum setzen wir auch unsere Ehre darein, ob wir daheim sind oder in der Fremde, dass wir ihm wohlgefallen.“ Und, wie es andernorts heißt: „Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll.“

Diese Vorfreude ist es, zu der uns der Apostel Mut machen möchte. Auch wenn wir hier noch nichts davon sehen, denn wir leben im Glauben und nicht im Schauen. Trotzdem dürfen wir darauf vertrauen. Wir dürfen es den vielen Menschen gleich tun, die vor uns durch dieses Leben gegangen sind, vielleicht viel schlimmere Zeiten erlebt haben als wir und sich vielleicht noch mehr gefreut haben auf das, was kommt. Niemandem von uns ist ein angenehmes Leben verheißen. Verheißen ist uns aber das ewige Leben bei unserm Herrn Jesus Christus.

Vorfreude ist etwas ganz Großartiges. Es hilft nicht nur über Krankheitstage und schlimme Erfahrungen hinweg, es hilft auch dabei, etwas schätzen zu lernen. Ein Geschenk ist ein doppeltes Geschenk, wenn es die Vorfreude darauf gibt. Wie bei einem schönen Ereignis, das auf uns zukommt und das wir kaum erwarten können. Und genau so eine Freude wünsche ich uns allen, eine Vorfreude auf das, was der Herr für alle bereithält, die den Glauben und das Vertrauen auf den Herrn Jesus Christus bewahren.  Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT