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Predigt zum Sonntag Rogate, 17.5.2020

18. Mai 2020 • Marlies

2. Mose 32, 1-14

Als aber das Volk sah, dass Mose ausblieb und nicht wieder von dem Berge zurückkam, sammelte es sich gegen Aaron und sprach zu ihm: Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir wissen nicht, was diesem Mann Mose widerfahren ist, der uns aus Ägyptenland geführt hat. Aaron sprach zu ihnen: Reißt ab die goldenen Ohrringe an den Ohren eurer Frauen, eurer Söhne und eurer Töchter und bringt sie zu mir. Da riss alles Volk sich die goldenen Ohrringe von den Ohren und brachte sie zu Aaron. Und er nahm sie von ihren Händen und bildete das Gold in einer Form und machte ein gegossenes Kalb. Und sie sprachen: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat! Als das Aaron sah, baute er einen Altar vor ihm und ließ ausrufen und sprach: Morgen ist des HERRN Fest. Und sie standen früh am Morgen auf und opferten Brandopfer und brachten dazu Dankopfer dar. Danach setzte sich das Volk, um zu essen und zu trinken, und sie standen auf, um ihre Lust zu treiben.

Der HERR sprach aber zu Mose: Geh, steig hinab; denn dein Volk, das du aus Ägyptenland geführt hast, hat schändlich gehandelt. Sie sind schnell von dem Wege gewichen, den ich ihnen geboten habe. Sie haben sich ein gegossenes Kalb gemacht und haben’s angebetet und ihm geopfert und gesagt: Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland geführt hat. Und der HERR sprach zu Mose: Ich sehe, dass es ein halsstarriges Volk ist. Und nun lass mich, dass mein Zorn über sie entbrenne und sie vertilge; dafür will ich dich zum großen Volk machen. Mose aber flehte vor dem HERRN, seinem Gott, und sprach: Ach HERR, warum will dein Zorn entbrennen über dein Volk, das du mit großer Kraft und starker Hand aus Ägyptenland geführt hast? Warum sollen die Ägypter sagen: Er hat sie zu ihrem Unglück herausgeführt, dass er sie umbrächte im Gebirge und vertilgte sie von dem Erdboden? Kehre dich ab von deinem grimmigen Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst. Gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast: Ich will eure Nachkommen mehren wie die Sterne am Himmel, und dies ganze Land, das ich verheißen habe, will ich euren Nachkommen geben, und sie sollen es besitzen für ewig. Da gereute den HERRN das Unheil, das er seinem Volk zugedacht hatte.

Liebe Gemeinde, zweierlei wollen wir heute bedenken anhand dieses Wortes aus dem 2. Mosebuch, mit dem Bericht vom „Goldenen Kalb“. Da ist einmal die Tatsache, dass da vom Gebet berichtet wird. Mose bittet den Herrn um Gnade für das Volk, weil der Herr es vertilgen will in seinem Zorn über den Abfall. Und wir merken, dass das nicht eine bloße Bitte des Mose ist, sondern dass es Mose Überzeugungsarbeit kostet. „Sollen denn die Ägypter sagen, du hast sie in die Wüste geführt, um das Volk dort zu vertilgen?  – Und gedenke an deine Knechte Abraham, Isaak und Israel, denen du bei dir selbst geschworen und verheißen hast, dass du ihre Nachkommen mehren willst …“.

Mose bittet, fleht und leistet Überzeugungsarbeit im Gebet. Er argumentiert mit Gottes eigenen Worten und Verheißungen. Und es gelingt ihm, Gott umzustimmen und den Zorn abzuwenden. Die Macht und Kraft des Gebetes steht hier im Vordergrund. Und das ist der Grund, warum dieses Wort heute am Sonntag Rogate (= betet) zu stehen kommt. Und es ist hier zu Recht Wort zur Predigt.

Aber noch ein zweites ist heute zu beachten, besonders aus gegebenem Anlass in unsern heutigen Tagen des Corona-Virus. Vom Goldenen Kalb zum Corona-Virus, das mag für manchen ein nicht ganz einfach herzustellender Weg sein. Aber was ist der Berührungspunkt? Der Berührungspunkt ist das Faktum der Krise. Dieser Bericht vom Goldenen Kalb ist ein Lehrstück dafür, was in einer Krise geschehen kann und oft genug auch geschieht. Und wir dürfen getrost fragen, wie und wo in unserer heutigen Corona-Krise die Parallelen zu finden sind. Aber der Reihe nach.

Das Volk ist gut drei Monate auf Wanderschaft, seit dem Auszug aus Ägypten. Es ist das erste Ruhelager im Gebirge Sinai. Man will sich erholen von den Strapazen der Wanderung, man will wieder ein wenig zu sich selbst finden. Man ordnet das öffentlich-religiöse Leben. Die Ordnungen für die Stiftshütte werden erlassen, für die Gottesdienste und für vieles mehr. Endlich wird Mose von Gott auf den Berg gerufen. Der große Führer ist plötzlich nicht mehr da. Und nicht nur ein paar Tage, sondern wochenlang. Fast 1 ½ Monate gehen ins Land und man hört und sieht nichts von Mose. Und so steigt der Zweifel an der Richtigkeit und am Weg des Auszuges überhaupt. Verglichen mit Corona haben wir ganz ähnliche Zeitverhältnisse. So ungefähr drei Monate begleitet uns das Thema jetzt. Und auch die Zweifel und die Unzufriedenheit sehen wir. Damals sagen sich die Leute: Mose ist längst tot, vielleicht liegt er irgendwo in einer Felsspalte und ist längst verwest. Und wir hier warten und warten. Worauf eigentlich? – Vermutungen, Gerüchte, Theorien, wieso, warum und überhaupt.

Das kommt uns bekannt vor. “Alles eine Erfindung der Politiker“, vielleicht „eine willkürliche Sache der Chinesen mit ihrem Virenlabor“ – und vielerlei Mutmaßungen und Gerüchte gibt es heute und genug Menschen, die sie schüren. – Damals: Ob der Weg richtig war, aus Ägypten zu fliehen? Die unschöne, aber doch sichere Existenz der Fleischtöpfe Ägyptens hinter sich zu lassen und hier in der Hitze der Wüste herumzustolpern? Wozu eigentlich? Und dann ist Mose auch noch verschwunden! Hat er sich aus dem Staub gemacht? Ist ihm das Ganze über den Kopf gewachsen? Vielleicht hat er sie alle verführt, ein ganzes Volk hat sich auf ihn verlassen, und jetzt ist er nicht mehr da. Wir lesen: „Es sammelte sich das Volk gegen Aaron, Moses Bruder“. Sicherlich nicht das ganze Volk, sondern die Schreihälse, die Radikalen, die Ungeduldigen. – Auch das erleben wir heute mehr und mehr. Fast 1:1. Damals kommen sie zu Aaron und bedrängen ihn. Sie sind in höchsten Maße aufgewiegelt: „Auf, Aaron, mach uns einen Gott, der vor uns hergehe! Denn wir haben keine Ahnung, was mit diesem Mose passiert ist …!“ – Also keine sachliche Lösung nach dem Motto: Lasst uns in Ruhe überlegen, wie es weitergehen kann! Dass man so etwas sucht wie einen Ersatzmann. ‒ Nein: Man will eine radikale, am besten die radikalste Lösung: einen anderen Gott! Lange genug hat man in Ägypten gesehen, was da so möglich ist. Am besten ein Stierbild, so wie sie es dort gesehen haben. Damit waren die Ägypter hoch zufrieden, sie waren eine Weltmacht auf diese Weise. Und so will man mit Gewalt das Neue. Weg mit dem Alten, weg mit den alten Autoritäten, her mit dem Neuen. „Auf, mach uns einen Gott, der vor uns hergeht!

Und jetzt kommt das Fatale: Aaron knickt ein. Er hat nicht die Kragenweite seines Bruders Mose. Er geht den Weg des geringsten Widerstandes. Er lässt Material einsammeln. Goldene Ohrringe und Ketten. Kiloweise. Die Schmuckstücke werden eingeschmolzen und ein Stierbild wird gegossen. Aus Materialmangel wohl nur ein kleines, aber immerhin. Statt eines stattlichen Stieres, wenigstens ein Kalb. Ein goldenes Kalb, so wird es später verächtlich genannt. Das soll nun den neuen Gott abgeben, der vor dem Volk hergeht. Statt der Wolken- und Feuersäule, die man nicht wirklich zu Gesicht bekommt, nun dieses Kalb – handgefertigt. Und sie sprachen: „Das ist dein Gott, Israel, der dich aus Ägyptenland hergeführt hat.“

Das „Goldene Kalb heute“? Die Verluste der Wirtschaft, der Industrie, die fehlenden Steuereinnahmen, und was man anderes noch an geldwerten Dingen nennen kann. Bis hin zum unsicher gewordenen Urlaub und zum fehlenden Fußball-Erlebnis. Eben unsere „Goldenen Kälber“ heute, die uns so viel bedeuten. – Ich will das gar nicht in Abrede stellen, dass diese Dinge zumeist wichtig und wirkliche schmerzliche Verluste sind. Aber die Gesundheit und das Leben vieler Menschen, also die Nächstenliebe, die uns befohlen ist, die ist den Schreihälsen und Radikalen unserer Tage ziemlich egal. Sie nutzen die Gelegenheit um zu rebellieren, ihre Ziele voranzubringen, und dazu ist jedes Mittel und jedes Gerücht recht. Sie wollen ihren eigenen Götzen auf den Thron setzen.

Es gibt also Parallelen zwischen dem Bericht damals vom Sinai und den Vorkommnissen heute. Vom Grundsatz einer Krise her. Und sie sind eindrücklich. Überall und immer, wo Krisen sind, rufen die Menschen nach den radikalen Änderungen. Und sie schießen dabei fast immer über das Ziel hinaus. Es werden neue Götter kreiert, ob Personen oder Dinge, völlig gleich. Wir haben in unserer eigenen Geschichte von allem genug erlebt.

Bleiben wir also wachsam und und nüchtern und stärken denen den Rücken, die diesen Kräften Einhalt gebieten. Auf keinen Fall sollten wir uns vor einen Karren spannen lassen, von dem nicht sicher ist, wer oben auf diesem Karren sitzt und die Zügel in Händen hält. Haben wir acht auf die Grundsätze, die uns aus dem christlichen Glauben heraus vertraut sind. –

Israel fällt mit Pauken und Trompeten ab von seinem Glauben und von seinem Gott. Der lebendige Gott wird kurzerhand durch ein goldenes Kalb ersetzt und man beginnt gleich einen Feiertag auszurufen, Opfer werden dem neuen Götzen gebracht und man findet zu interessanten Neuheiten: „Sie setzten sich, um zu essen und zu trinken, und standen auf, um ihre Lust zu treiben“. Hurerei ist bei den heidnischen Völkern im Rahmen der Kulte an der Tagesordnung. Und siehe, auch Israel ist dem nicht abgeneigt. Man lässt nichts aus, auch die schlimmsten Dinge nicht.

Dass der Herr sich von Mose erweichen lässt, hier nicht radikal alles Volk auszurotten, ist dem Einsatz und dem Gebet und der Überzeugungskraft des Mose zu verdanken. Er erinnert Gott an seine großen Verheißungen, an den Glauben und die Treue der Väter und an das Ziel, das Gott mit seinem Volk hat. „In dir sollen gesegnet sein alle Völker“, alle sollen sich zu dem Gott Israels bekehren und sich ihm zuwenden.

So wird der große Zorn Gottes abgewendet und die Strafe an denen vollzogen, die den Abfall begangen haben. Nur an denen, auch wenn es Tausende sind. So kommt das Volk noch einmal davon, ein weiteres Mal. Durch die Bitten und das Gebet des Mose. Gebe Gott, dass uns unsere Krise hier standhaft macht, wir nicht müde werden auf einem christlichen Wege zu bleiben und denen zu wehren, die gerne ihre eigenen goldenen Kälber auf den Sockel heben möchten. Amen.

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