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Predigt zum Sonntag Quasimodogeniti, 11.4.21

12. April 2021 • Marlies

Jes 40, 26-31

Hebt eure Augen in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: »Mein Weg ist dem HERRN verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber«? Weißt du nicht? Hast du nicht gehört? Der HERR, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft, und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Liebe Schwestern und Brüder,

In diesem Jahr gab es bei uns keine Osternacht – Corona lässt grüßen. Weder am Samstagabend noch am Sonntagmorgen, um 6 Uhr, wenn es noch dunkel ist. Dann ist es gefühlt mitten in der Nacht. Warum haben wir das in den vergangenen Jahren oft gemacht? Warum steht man so früh auf, fährt durch die Dunkelheit in aller Herrgottsfrühe zur Kirche, steht dann in der Kirche beim Kerzenschein und lauscht den Lesungen, angefangen bei der Schöpfung, über Noah bis hin zu den Propheten, die von der Auferstehung der Toten sprechen? Kann man das Ganze nicht auch um 10 Uhr vormittags haben, in Ruhe und ausgeschlafen, wie eben sonntags üblich? Die Antwort: Ja und Nein.

Natürlich ist die Osterbotschaft keine andere, ob nun morgens um 6 oder vormittags um 10. Aber dennoch möchte uns der Prophet Jesaja heute noch einmal zurückversetzen in die dunkle Osternacht. Aber nicht erst morgens um 6, sondern schon lange vorher in die Nacht. Das, was uns hier in der Großstadt meist abgeht, ist der nächtliche Blick zum Himmel. Zu viel Fremdlicht hindert den Blick zum Himmel, den Blick auf die Sterne. Wenn man hier nachts draußen ist, dann sieht man bestenfalls 2–3 Sterne. Ein Genuss ist es dann, wenn man woanders ist, wo es richtig dunkel ist und man alle Sterne sieht. Die ganze Milchstraße, den Großen Wagen, die einzelnen Sternbilder: Ganz Informierte wissen, wann die einzelnen Sternbilder zu sehen sind, wann die Gestirne in der Nacht aufgehen und wann sie wieder untergehen, wenn der neue Tag dann kommt. Schon immer haben Menschen in den Himmel geschaut, haben sich an den Sternen erfreut, haben gesehen: Das alles, das gehört zum Weltall, zum Universum. Und der gläubige Mensch sieht auch: Das alles hat Gott geschaffen. Er ist der Herr über das alles, über alle Gestirne und das ganze All. Und wir bekommen dann eine leichte Ahnung davon, wie groß und mächtig unser Herr ist. Er ist Herr über das alles. „Hebet eure Augen in die Höhe und seht! … Gottes Macht und Kraft ist unvorstellbar groß“! Schade, dass bei uns die Sterne so schlecht zu sehen sind. Deshalb: Wenn ihr woanders seid, und es ist richtig dunkel und klar: Dann nehmt euch Zeit, nehmt euch Zeit in den Himmel zu schauen, zu den Sternen, und euch die Größe Gottes vor Augen führen zu lassen. Dann denkt an die Osternacht, an den Sternenhimmel und an Gottes Kraft.

Noch etwas anderes geschieht, wenn man so etwas tut. Man gewinnt gleichzeitig auch einen Blick auf sich selbst. Man ist selbst ein winziges Rädchen nur in Gottes Reich, im Universum. Ein Staubkorn, im Vergleich zu dem, was da zu sehen ist. Wir Menschen neigen ja dazu, dass wir uns selbst gern groß und wichtig sehen. Dass wir unsere Probleme und Nöte, die wir haben, sehr groß und sehr wichtig nehmen. Und sie sind ja auch da, die Nöte und Probleme, unverkennbar. Wir spüren sie am eigenen Leibe und wir sind dankbar, wenn die Gliedmaßen wieder funktionieren, die Schmerzen nachlassen und Gesundheit einkehrt. Mehr oder weniger. Immer haben Menschen gelitten. Und immer haben sie mit dem Blick zum Himmel gemerkt: Da ist jemand, der über dem allen steht. Da ist jemand, der das alles im Universum geschaffen hat und der auch mich geschaffen hat. Und so, wie der Herr alles in seiner Hand hat, so hat er auch mich mit meinen Problemen in der Hand. Und ob ich mir nun große oder nur weniger große Sorgen mache: Er ist es, der das alles in seiner Hand hat. Seine Macht und seine Kraft gilt auch mir, mir ganz persönlich. Einige Verse weiter erinnert der Prophet daran, dass Gott dich bei deinem Namen gerufen hat, dass du ihm gehörst. Du bist sein Eigentum.

Manchmal brauchen wir diese Erinnerung, sogar dringend. Manchmal brauchen wir den Hinweis, obwohl wir das ja grundsätzlich wissen. Manchmal wird es einfach verschüttet. Wie auch bei den Jüngern Jesu, wo alles, was der Herr Jesus von der Auferstehung gesagt hatte, einfach verschüttet war. Zugeschüttet von den Erlebnissen des schrecklichen Karfreitags. Zugeschüttet von der Angst vor den Juden, vor Verfolgung und dass ihnen Ähnliches widerfahren könnte. Verkrochen hatten sie sich, hinter verschlossenen Türen haben sie sich versteckt. So groß war die Angst und die Enttäuschung der letzten Tage. Da war nichts mehr da von dem, was der Herr Christus ihnen immer wieder gepredigt hatte: Ich werde nach drei Tagen auferstehen. Weggeblasen war es, keinen Pfifferling mehr wert, meinten sie.

Hätte den Jüngern da ein Blick zum Sternenhimmel genützt? Hätten sie da etwas entdeckt, von Gottes Kraft? Vielleicht. Aber ob es ihnen in dieser Situation konkret geholfen hätte? Vielleicht. Sie wären zumindest aus ihrem Versteck herausgekommen. Wir verkriechen uns ja gerne, wenn es uns nicht gut geht. Wäre es nicht viel gescheiter, gerade dann einen Blick zum Himmel, zu den Sternen zu riskieren, wenn es uns nicht gut geht? Wie sagt der Prophet? „Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel sagt: Mein Weg ist dem Herrn verborgen?“ Mit anderen Worten: Wir denken, der Herr lässt uns hängen, so wie wir uns hängen lassen. – Im Nachhinein sehen wir’s meist eher ein: Hätten wir geahnt, wie uns geholfen wird, dann hätten wir uns nicht so kleinmütig verkrochen. Dann wären wir zuvor schon zuversichtlicher gewesen. Da hätten wir uns schon eher daran erinnert, wie groß Gottes Kraft ist. Dann hätten wir … , dann hätten wir. – Warum tun wir uns nur so schwer damit? Selbst die Jünger tun sich schwer damit.

Aber: Sie dürfen auch erleben, dass das, was der Prophet sagt, Wirklichkeit wird. Ihnen wird die Osterbotschaft eingeflößt.

Zunächst schlückchenweise, dann mit aller Macht. Bis dahin, dass Christus als der Auferstandene ihnen erscheint, mit ihnen spricht, mit ihnen schimpft als Kleingläubige. Er tut alles, um ihnen deutlich zu machen: Der Tod ist besiegt. Gottes Kraft hat Macht auch über den Tod. Auferstehung ist keine Theorie mehr, sondern greifbare Wirklichkeit.

Die Jünger hätten eher, hätten schneller Vertrauen fassen sollen. Sie hätten sich niemals entmutigen lassen dürfen. Sie hätten Jesu Wort Glauben schenken müssen: Ich werde nach drei Tagen auferstehen. Sie hätten, sie hätten …

Wir hätten sicher auch das eine oder andere Mal in unserm Leben mehr Vertrauen haben sollen, mehr, als wir es hatten. Das gilt grundsätzlich für alle Kinder Gottes. Sie sollten Vertrauen haben, sie sollten nicht ungeduldig werden, sie sollten auf das Wort Gottes hören und sich darauf verlassen. Denn: Es ist wahr. Gott schenkt den Seinen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht müde werden, so wie der Prophet es sagt.

Vielleicht hilft uns dazu ein Blick auf den nächtlichen Himmel. Ein Blick zu den Sternen, auf die Milchstraße, auf die Größe des Weltalls. Der Prophet meint zumindest: Es schadet nicht, sich hin und wieder einmal zu vergewissern: So groß ist unser Schöpfer und er ist unser Vater, er kennt uns alle und weiß um uns. Auch um unsere Kleinmütigkeit.

Zu Ostern wird es ganz deutlich: die Größe und die Kraft Gottes. Christus ist auferstanden – wir dürfen freudig Ostern begehen und jeden Sonntag auf Neue ein kleines Osterfest feiern.

Amen.