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Predigt zum Reformationssonntag, 1.11.2020

6. November 2020 • Marlies

Matthäus 10,26–33 

Jesus Christus spricht: Fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Liebe Schwestern und Brüder,

die Tätigkeit eines Küsters oder einer Küsterin geschieht normalerweise eher im Verborgenen. Die Kirche aufschließen, wenn noch keiner da ist. Zuschließen, wenn der Letzte gegangen ist. Das Abendmahlsgeschirr auf dem Altar aufstellen und nachher reinigen. Kerzen anzünden und wieder löschen. Vielleicht sogar Putzlappen und Besen schwingen, damit die Kirche einladend bleibt.

Weise Pfarrer wissen den Dienst von treuen Küsterinnen und Küstern zu schätzen. Und gerade dann, wenn man als Pfarrer an einen fremden Gottesdienstort kommt, ist es gut, wenn es Menschen vor Ort gibt, die sich um das Wesentliche kümmern und die man fragen kann, wenn es noch Unsicherheiten beim Gottesdienstablauf gibt.

Nein, Küsterinnen und Küster stehen normalerweise nicht im Rampenlicht, nicht in der ersten Reihe. Und mancher, der Küsterdienste übernimmt, stapelt auch ziemlich tief: „Ach, was ist das schon! Nicht der Rede wert!“

So scheint das Bibelwort zum Reformationsfest, das wir gerade gehört haben, auch eher ein Wort für Pfarrer und Berufsmissionare zu sein: Menschen, die weiter vorne in der Reihe stehen, das Evangelium auf den Plätzen und von den Dächern verkündigen. Menschen, die auch mit ihrer beruflichen und privaten Existenz für Kirche und Glauben einstehen.

Aber es ist anders. Dieses Wort vom Einstehen für das Evangelium betrifft uns alle in unseren unterschiedlichen Lebensbezügen und bei den ganz verschiedenen Aufgaben, die wir in der Kirche übernommen haben.

Ich möchte euch heute von Vincent, einem Küster in der Stadt Nizza, erzählen. Am vergangenen Donnerstag schloss er seine Kirche auf und begann seinen Dienst. Ich stelle mir vor, wie er vorher noch einen Rundgang durch die Kirche unternahm, schaute, ob in der Nacht irgendetwas passiert war – ein Stein vielleicht durch ein Fenster geworfen worden war oder sich ein Vogel im großen Gewölbe verirrt hatte. Er tat das, was er immer tat, als einer der vielen Menschen, die sich mit ihren Möglichkeiten und Begabungen in der Kirche und für ihre Gemeinde engagieren.

Es sollte aber der letzte Tag in Vincents irdischem Leben sein. Wenig später stürmte ein junger Mann in die Kirche und ermordete sowohl Vincent als auch zwei Frauen, die sich in dieser Kirche in Nizza aufhielten.

Ein engagierter Christ, ermordet, weil er den unspektakulären Dienst tat, den er in der Kirche tat – nicht als Bischof, nicht als Priester, sondern als Küster.

Wir merken es: Angesichts dessen rückt uns Jesu Wort, das wir gerade gehört haben, sehr nahe: „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können.“

Das ist nichts, was einfach nur in die Zeit vor 2.000 Jahren gehört, als die Christen es nun mal schwerer hatten als wir heute. Sondern wir reden vom Jahr 2020, von einem Nachbarland Deutschlands. Menschen sterben, weil sie eine Kirche besuchen oder in ihr arbeiten.

Dabei kam das nicht aus heiterem Himmel. In Frankreich wurden zuletzt über 1.000 Angriffe auf Kirchen pro Jahr verzeichnet. Und Vincent, der Küster, hat ganz sicher darum gewusst, dass 2016 ein Priester in Nordfrankreich mitten während der Messfeier ermordet worden war.

Trotzdem hat er seinen Dienst getan. Sicherlich hat er nicht ständig an die mögliche Gefahr gedacht. Und noch weniger wird er seinen Dienst als heldenhaftes Glaubensbekenntnis verstanden haben. Und doch war es das: Einer, der – obwohl der Wind rauer wurde – getan hat, was in der Kirche zu tun war: ganz unspektakulär, aber eben doch ganz treu.

So gewinnt das Reformationsfest einen ungewöhnlichen Ernst. Christ zu sein, sich zu Jesus Christus zu bekennen und Teil seiner Kirche zu sein, stößt immer wieder auch auf Widerstände.

Dabei kann es kein „Sonnenscheinchristentum“ geben. Christsein kann nicht so aussehen, dass ich mich nur dann zu Jesus Christus halte, wenn das leicht zu haben ist und ich keine Konsequenzen zu befürchten habe.

Sondern als Christ stehe ich immer auf Jesu Seite – und damit stehen die Menschen, die Jesus Christus feindlich gegenüberstehen, auch mir feindlich gegenüber, ohne dass ich ihnen etwas getan habe.

Mich aber von Jesus Christus wegzubewegen, hieße dann aber im Umkehrschluss auch, mich ihm entgegenzustellen. Einen komfortablen Mittelbereich gibt es hier nicht. Wir stehen als Menschen entweder auf der einen oder auf der anderen Seite.

Nun mag es aber euch gehen wie mir, dass diese Botschaft euch schier zu überfordern scheint. Erst die neuen Corona-Einschränkungen für den November – und jetzt wird auch noch im Gottesdienst so ein düsteres Bild gemalt. Das ist schon viel. Vielleicht für manchen schon sehr viel.

Aber durch diese ernsten Worte klingt noch eine andere Stimme hindurch:Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht!

Dreimal heißt es: „Fürchtet euch nicht!“. Und das heißt nicht: Reißt euch zusammen, seid doch mal mutiger!

Sondern der Herr sagt: „Ihr braucht keine Angst zu haben, ich bin bei euch. Mit mir ist es gut, und mit mir wird es gut. Unser himmlischer Vater passt auf euch auf. Er sorgt für euch. Es gibt nichts, was er nicht im Blick hätte. Ihr seid ihm unendlich wichtig. Was auch passiert, es geschieht nicht ohne ihn! Ihr seid so bei Gott geborgen, dass ihr ohne Furcht sein dürft.“

Es sind diese Worte, die uns die Kraft geben, als Christen zu leben – auch dann, wenn uns der Wind stärker ins Gesicht pustet, ja, es vielleicht sogar gefährlich wird, sich als Christ erkennen zu geben. Ich erinnere an Bischof Damian von der Koptischen Kirche. Seine Gemeinde in seinem Heimatland hatte viele Mitglieder durch gewaltsame Eingriffe von außen verloren. Aber die Christen dort haben die Kraft geschenkt bekommen, keinen Hass zu entwickeln. Im Gegenteil: Viele der ehemaligen Feinde kamen durch ihr liebevolles Glaubenszeugnis zum Glauben.

Dabei fasst dieses Jesuswort das christliche Leben im Grunde mit zwei Begriffen zusammen: „Fürchtet euch nicht und bekennt!“ Dabei ist hier, wie vorhin schon angedeutet, kein heroisches Verhalten gemeint. Sondern von Gott getröstet zu bekennen, kann ganz alltäglich sein: eine Kirche auf- und zuzuschließen. Die Gemeindefinanzen zu führen. Kindern aus einer Kinderbibel vorzulesen. Mit anderen zusammen die Kirche zu reinigen. Alles ganz unscheinbare Bekenntnisakte. Aber wie wichtig und wie wertvoll!

Mehr und anderes ist im christlichen Leben nicht dran. Attacken wie diese letzte Woche in Nizza wecken ja fast reflexhaft Gefühle von Rache. Man möchte sich doch mindestens das Maul zerreißen, ordentlich schimpfen, vielleicht auch den Untergang des christlichen Abendlandes beschwören und alles den Bach runtergehen sehen.

Das aber ist nicht unbedingt christlich. Christlich ist, auf diese Trostworte Jesu zu hören, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen. Christlich ist, aus diesem Trost heraus diesen tröstenden Jesus Christus zu bekennen, unsere oftmals ganz unscheinbare Arbeit in Gemeinde und Kirche zu tun und so Zeugen für ihn zu werden.

Und was ist, wenn mir der Mut wegbricht und ich mich insgeheim oder ganz offen von Jesus Christus abgewandt habe?

Was, wenn mich die Wut und der Zorn packen, mir alle Nächstenliebe verloren geht und ich über „die“ Muslime schimpfe und sie dahin wünsche, wo der Pfeffer wächst?

Was, wenn ich meine Schwerpunkte im Leben anders setze und Glauben Glauben und Kirche Kirche sein lasse?

Dann …

Ja, dann geht es mir und vielleicht auch Dir nicht anders als dem Apostel Petrus, der nach Jesu Gefangennahme Jesus verleugnete und sich plötzlich auf der Seite sah, wo er nie hinwollte. Und der auch später noch alles andere als ein Glaubensheld war, wenn es für ihn unbequem wurde.

Nein, gut ist das nicht. Gottes Willen entspricht es schon gar nicht. Und dem Bau der Kirche dient das auch nicht.

Aber für immer abgeschrieben sind wir dann noch längst nicht. Auch dann sind wir nicht in einer Sackgasse, sondern können jederzeit umkehren, umdrehen – und unserem Herrn Jesus Christus wieder in die weit geöffneten Arme laufen und uns von ihm die Schuld abnehmen lassen.

Er hat uns vergeben – und er sagt uns zu, uns auch aufs Neue zu vergeben.

Petrus, der in der Nacht zum Karfreitag eine so schlechte Figur gemacht und ihn verleugnet hat, schickt Jesus nach Ostern wieder los: „Weide meine Schafe!“ Das heißt ja: Sag die tröstliche Botschaft weiter, bekenne mich vor den Menschen, tue deine Aufgabe in der Kirche.

Nun sind wir alle keine Apostelfürsten wie Petrus. Bei uns wird der Dienst in der Kirche oft viel unscheinbarer aussehen – und trotzdem ist es ein Bekenntnis unseres Glaubens: Wie bei den Küsterinnen und Küstern, die die Kirche auf- und zuschließen, sich um Abendmahlsgeschirr und Kerzen kümmern und die Blätter vor dem Eingang zusammenkehren. Da beginnt es schon, dass wir Jesus Christus vor den Menschen bekennen. Und so dürfen wir gewiss sein, dass auch er uns bekennen wird vor unserem himmlischen Vater. Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT