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Predigt zum Ewigkeitssonntag

26. November 2020 • Marlies

2. Petrus 3, 8-13

Eins aber sei euch nicht verborgen, ihr Lieben, dass ein Tag vor dem Herrn wie tausend Jahre ist und tausend Jahre wie ein Tag. Der Herr verzögert nicht die Verheißung, wie es einige für eine Verzögerung halten; sondern er hat Geduld mit euch und will nicht, dass jemand verloren werde, sondern dass jedermann zur Buße finde. Es wird aber des Herrn Tag kommen wie ein Dieb; dann werden die Himmel zergehen mit großem Krachen; die Elemente aber werden vor Hitze schmelzen, und die Erde und die Werke, die darauf sind, werden ihr Urteil finden. Wenn nun das alles so zergehen wird, wie müsst ihr dann dastehen in heiligem Wandel und frommem Wesen, die ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und erstrebt, an dem die Himmel vom Feuer zergehen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden. Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde nach seiner Verheißung, in denen Gerechtigkeit wohnt. 

Liebe Gemeinde,

der Ewigkeitssonntag lenkt unsere Gedanken hin zur Lebenszeit des Menschen. Wir haben im Auge die Gräber unserer Lieben und fragen uns im Stillen: Wie lange sind wir noch auf dieser Welt?  Und ganz automatisch fangen wir an zu rechnen: Wann bin ich geboren, wie lange ist die Spanne des menschlichen Lebens, wie alt sind meine Eltern geworden, und was heißt das, wenn die Heilige Schrift sagt: Das Leben währet 70 Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es 80 Jahre? Was heißt das für mich?

So verständlich alle diese Gedanken sind, so menschlich verständlich sind sie. Gottes Wort heute will etwas anderes. Es will uns einen kleinen Blick tun lassen in die Ewigkeit Gottes hinein. Damit sind wir schon bei der ersten Frage: Was ist Ewigkeit?

Ich stelle fest: Ewigkeit ist für mich nicht vorstellbar. Es gelingt mir nicht, mir auch nur irgendetwas vorzustellen, was ewig dauern würde. Alles, was ich kenne, hat einen Anfang und vom meisten kenne ich auch wenigstens ein ungefähres Ende. Selbst von einer tausendjährigen Eiche weiß ich, dass sie einmal aus einem Samen hervorgegangen ist und dass irgendwann der Tag kommt, an dem ein Sturm sie wegen vorhandener Faulstellen im Stamm umwerfen wird und damit ihr Ende besiegelt. Wir alle denken und können gar nicht anders, als dass wir in Jahren, in Tagen und Stunden rechnen und zählen. Martin  Luther sagt dazu: „Wir haben den Unterschied der Zeiten, dass bei uns ‚heute‘ etwas anderes ist als ‚gestern‘ oder ‚morgen‘. Nur Kinder und unvernünftige Tiere wissen nichts von der Zeit, weil es ihnen an der Fähigkeit zu zählen mangelt. Wo keine Zahl ist, da ist auch keine Zeit.“

Das ist auch nicht zufällig so, sondern das ist von Gott her in uns angelegt und auch von Gott gesegnet. Wir dürfen aber getrost wissen, solange diese Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht.

Eine andere Sicht bieten uns die Worte aus unserm heutigen Predigtwort: „Ein Tag ist vor dem Herrn wie Tausend Jahre, und 1000 Jahre wie ein einziger Tag“. Gott unterliegt nicht unserem Zeitverständnis. In seiner Ewigkeit ist er mit zeitlichen Überlegungen für uns nicht fassbar. Hat man Gott vor Augen, so wissen wir: Er selbst hat weder Anfang noch Ende. Er ist ewig. Unsere Vorstellungen von Zeit helfen im Blick auf Gott nicht weiter.

Dennoch hat Gott Wert darauf gelegt, dass er in seiner Ewigkeit für uns erreichbar bleibt. Es gibt Berührungspunkte zwischen Gott in seiner Ewigkeit und uns Menschen. Punkte, in denen er sich fassen lässt. In seinem heiligen Wort spricht er aus seiner Ewigkeit zu uns. Im Altarsakrament tritt er aus seiner Ewigkeit heraus und lässt sich austeilen und nehmen von den Seinen. Im Gebet lässt sich eine Brücke schlagen von uns zu ihm. Wo zwei oder drei versammelt sind in seinem Namen, da ist er mitten unter uns. Und das Versprechen unseres Herrn gilt: Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Das ist schon eine große Aufzählung. Aber es ist noch nicht alles. Eins fehlt noch. Es ist der Tag, an dem er kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Darauf warten wir. Darauf haben schon Christen vor vielen, vielen Generationen gewartet. Da kommen Fragen: Wie lange noch? Wann? Hat der Zug Gottes Verspätung?

Die Antwort: Nein, Gottes Zug hat keine Verspätung, er hat Geduld mit uns. Geduld mit den Menschen. Und wenn wir ehrlich sind: Wer kennt nicht Menschen, Familienmitglieder, Freunde, Nachbarn und viele andere aus fremden Völkern, die noch nicht zum Herrn Jesus Christus gefunden haben. Menschen, die der Herr auch lieb hat und die er ruft. Immer wieder. Und im Moment ist es so, dass es christliche Aufbrüche gibt in vielen Völkern und Erdteilen. Besonders dort, wo die Kirche ganz offiziell verfolgt wird. In China, in den muslimischen Ländern, dort, wo Menschen ihrem alten Glauben oder ihrer alten Ideologie den Rücken kehren und neu zu fragen beginnen: Was ist das mit dem christlichen Glauben? Warum ist der christliche Glaube der einzige, der uns Gott den Herrn als den liebenden Vater vorstellt? Der einzige Glaube, der uns Gott nicht als fordernden Herrscher vorstellt, sondern der seinen Sohn hergegeben hat für die Schuld der Menschen. Der selbst bezahlt hat für alles Unvermögen und für alles Widergöttliche im Menschen. Der Herr, der seine Liebe ausgießen möchte in die Herzen der Menschen. Wer aus fremden Religionen und  Ideologien herkommt und nie etwas anderes gesehen und kennengelernt hat als das: Wenn du nicht so bist, wie die Religion oder wie unsere Mächtigen dich wollen, dann bist du verloren. Schon hier und jetzt. Dann werden heilige Kriege gegen dich geführt, dann wird meinen, wer Christen tötet, der täte Gott einen Dienst damit. Das sind schon Jesu Worte zu seinen damaligen Jüngern. Sie gelten immer noch. Und noch immer gilt: Gott hat Geduld. Geduld mit uns, mit den Menschen, mit allen. Er möchte, dass jedermann zur Buße findet, dass jedermann umkehrt zu Christus. Dass jeder das Geschenk der Gnade Gottes annimmt, das unser Glaube bietet.

Ja, bei aller Geduld Gottes: Die Zeit ist dennoch bemessen. Ich erinnere an die verschlossene Tür. 5 der Jungfrauen stehen draußen vor der Tür, sie stehen vor der auf ewig verschlossenen Tür. Sie haben es nicht geschafft. Sie waren zu unbesorgt, zu oberflächlich, sie waren zu leichtsinnig. Sie haben sich nicht darauf eingestellt, dass der Bräutigam lange auf sich warten lassen könnte und dass deshalb genug Öl in den Gefäßen sein muss, dass es reicht bis zum entscheidenden Augenblick. – Der Tag des Herrn wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Unerwartet. Unvermutet. Wer dann nicht bereit ist, wer bis dahin nicht das Gnadenangebot des Herrn ergriffen hat, der wird vor der verschlossenen Tür stehen, vor der für immer verschlossenen Tür.

Was aber hilft dazu, vorbereitet zu sein?

Das einzige, was wirklich hilft, ist, dass wir das Kommen des Herrn erwarten, auch unser eigenes Ende mit einkalkulieren. Jemand hat mal gesagt: Ich gehe nie aus dem Haus, ohne mich zu verabschieden. Ohne offene Dinge mit den Meinen geregelt zu haben. Warum? Weil ich nicht weiß, ob ich gesund heimkehre und alle wiedersehe. So möchte ich sicher sein, dass nicht Unerledigtes zwischen uns bleibt, wenn ich einmal tatsächlich nicht mehr heimkehren werde. – Ähnlich kann man im Blick auf das Kommen des Herrn und auf den Jüngsten Tag argumentieren: Wichtig ist, dass er immer kommen kann, immer, dass ich bereit bin, jeden Tag. Ja, dass ich mich sogar darauf freue, auf diesen Tag Gottes. Auf diesen Tag, an dem Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde erschaffen wird, ein neues Dasein für uns ohne alle Beschwernisse und ohne alle die Versuchungen des Teufels, denen wir heute täglich ausgesetzt sind.

Und was immer dann kommen mag – unser Wort spricht ja von einer Reihe von erschütternden Erscheinungen: Die Himmel werden zergehen mit großem Krachen, die Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen, die Elemente der Erde werden vor Hitze zerschmelzen und alles, was je auf Erden gestanden hat, wird sein Ende finden.

Liebe Gemeinde, was immer da genau geschehen wird und wie erschreckend es immer sein wird: Es wird nur die Begleitmusik des Hochzeitszuges sein, die Begleitmusik des himmlischen Bräutigams, der die Hochzeitsgäste heimholt. Wenn etwas erneuert werden muss, dann muss das Alte weichen. Und wie Gott das machen wird, das müssen wir ihm überlassen, ganz und gar. Weder  Atomkriege, die die Elemente schmelzen lassen, noch andere Ereignisse menschlicher Natur werden eine neue Welt Gottes und einen neuen Himmel Gottes schaffen. Er selbst wird es tun, er wird sich kaum von Menschen dabei unter die Arme greifen lassen. Uns Christen aber gebührt dabei nicht die Furcht vor dem Ende, sondern die Freude auf den Neubeginn. Wir leben jetzt in der Zeit der Freude auf  den Bräutigam, der nach langer Zeit kommen wird und seine Gäste hereinholt in den Festsaal. In die neue Schöpfung, in „den neuen Himmel und die neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt“.

So gesehen brauchen wir uns nicht zu sorgen, wie alt wir werden. Ob nun 70 oder 80 Jahre, oder vielleicht noch ein paar Jahre mehr oder weniger. Wenn Christen an die Gräber von Mitchristen gehen, dann besuchen sie diejenigen, die die alte Kirche die „triumphierende Kirche“ genannt hat. Wir Lebenden gehören zur kämpfenden Kirche, zur „ecclesia militans“, die im Herrn Verstorbenen sind die „ecclesia triumphans“. Vielleicht mag das ein Trost sein für die, die sich auf den Weg machen zu den Gräbern ihrer Lieben, dass sie wissen: Sie dürfen bereits schauen, was sie geglaubt haben.  Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT