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Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis, 5.7.20

11. Juli 2020 • Marlies

Matthäus 9,35 bis 10,16

Und Jesus ging ringsum in alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium von dem Reich und heilte alle Krankheiten und alle Gebrechen. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Da sprach er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber wenige sind der Arbeiter. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter in seine Ernte sende. Und er rief seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen Macht über die unreinen Geister, dass sie die austrieben und heilten alle Krankheiten und alle Gebrechen. Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen. Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus. Umsonst habt ihr’s empfangen, umsonst gebt es auch. Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt. Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.

Liebe Gemeinde,

vor einiger Zeit bin ich auf einen Bericht gestoßen, der eben zu diesem Wort aus dem Matthäusevangelium passt. Irgendwo habe ich auch schon mal davon erzählt. Es ist ein Bericht einer Missionsgruppe unserer Kirche, die gemeinsam mit einem Pastor unser Kirche sich nach der Wende auf den Weg macht. In den neuen Bundesländern. Wo genau, tut wenig zur Sache, es könnte genauso gut hier bei uns irgendwo sein. Also eine Gruppe von 10 Leuten. Sie wollen die gute Botschaft zu den Menschen in unserm Land bringen. Das ist Ziel und Aufgabe der Kirche aller Zeiten. Damals zur Zeit Jesus und auch heute.

Jesus sagt: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe“. Mit diesen Worten schickt Jesus seine Leute los.

Einer der Projektteilnehmer, der Pastor unserer Kirche, berichtet: „Es ist die erste Wohnungstür, an der ich klingele. Ein Mann, so Anfang 40, öffnet die Tür. Er schreit und brüllt mich an, als er erfährt, dass ich von der Kirche komme. Was ich denn wolle, ich solle ihn in Ruhe lassen. Krachend fällt die Tür zu. – So kann sie aussehen, die Erfahrung, die man als Bringer des Evangeliums von Jesus Christus macht, mitten in unserm Land.“

Ein Missionsprojekt in den neuen Bundesländern. Zehn Männer und Frauen, älter und jünger, einige arbeitslos, andere haben sich Urlaub genommen, andere sind sogar von ihrem Arbeitgeber für diese Sache freigestellt worden. Sie versuchen, Menschen von Jesus zu erzählen. „Hat gar keinen Zweck“, sagt manches alteingesessene Gemeindeglied in den neuen Ländern. „Das wollen die Leute hier sowieso nicht. – Wissen Sie, früher die DDR, die hat das alles verdorben! Und die paar Altlutheraner und die Evangelischen, die brauchen das nicht.“ – Mein erstes Erlebnis also, so der Pastor, scheint dies also voll zu bestätigen. „Bloß weg! Lohnt sich nicht! Klingeln an fremden Türen ist zwecklos.“

Wie ein Schaf unter Wölfen, so kannst du dir vorkommen, wenn du den Schritt zur Mission, zum öffentlichen Zeugnis für Jesus Christus wagst. Mission ist in unserer Kirche immer wieder ganz neu ein Thema. Mission nicht nur in der 3. Welt, sondern auch in Deutschland, vor unserer Tür: Gifhorn, Cottbus-Döbbrick, Marzahn, Leipzig. Für manche ist das ungewöhnlich. Einige fragen: „Ist das wirkliche Mission? Deutschland ist doch christlich geprägt“. Doch so fängt Mission an. Sie geschieht zunächst an denen, die sich in unserer Nähe befinden. Denken wir an Jesus: Diese Zwölf sandte Jesus aus, gebot ihnen und sprach: Geht nicht den Weg zu den Heiden und zieht in keine Stadt der Samariter, sondern geht hin zu den verlorenen Schafen aus dem Hause Israel. Jesus schickt zunächst seine Jünger zum eigenen Volk. Er schickt sie zuerst zu den Leuten, die eigentlich Gott kennen müssten. Später erst wird er sie in alle Welt schicken. Auf unsere heutige Zeit übertragen heißt das: Es ist wichtig, zunächst die aufzusuchen, die vielleicht sogar getauft sind, aber vielleicht nichts mehr damit anfangen können. Ja, Mission in Deutschland ist nötig, und doch ist sie schwierig, wenn wir konkret gefragt sind. Sie wird schwierig, wenn Erfolge ausbleiben oder man angegriffen wird. Sie wird auch dann schwierig, weil mancher, der angesprochen wird, so seine ganz eigene Prägung mitbringt. Seien wir ehrlich: Das will niemand gerne erleben. Bildhaft gesagt: Welches Schaf geht schon freiwillig in ein Wolfsrudel? Normale Schafe kaum, aber die Schafe Jesu Christi schon eher. Sie wagen es hin und wieder doch. Warum? Können sie sich besser wehren als normale Schafe? Oder schneller laufen als die Wölfe dieser Welt? Sind wir als Christen den anderen Menschen mit unseren natürlichen Gaben überlegen? Wirken wir stärker oder zufriedener? Ich bin mir da unsicher. Oft fehlt der richtige Biss und schneller sind wir auch nicht. Aber die Schafe Christi gehen trotzdem. Warum? Warum treibt die Kirche Mission? Zwei Gründe sind zu nennen:

Erstens: Die Kirche treibt Mission, weil Jesus sie dazu beauftragt. Er gibt den Befehl dazu! Es geht dabei nicht um den Erhalt des Mitgliederbestands des Kirchenvereins. Oder gar irgendeinen Einfluss zu gewinnen. Wir tun das vielmehr, weil der Herr sagt: „Geht aber und predigt und sprecht: Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen.“ Weil wir diesen Herrn lieben und ihm gehorsam sind, deshalb tun wir diesen Dienst.

Zweitens: Die Kirche tut diesen Dienst, weil die Menschen es nötig haben. Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Auch wenn es viele nicht zugeben oder gar nicht wahrnehmen: Die Menschen sehnen sich nach Erlösung, nach Befreiung. Darum suchen einige den beruflichen Erfolg, oder den immerwährenden Urlaub, die finanzielle, absolute Sicherheit. Andere nehmen Drogen oder fliehen von Beziehung zu Beziehung. Die Menschen leiden weit mehr unter ihrer eigenen Sünde und ihren Folgen, als sie zugeben!

Das, so der Pastor, das begegnet mir auch am Missionsort.

Da ist z. B. Fred: nicht getauft, arbeitslos, durch einen Unfall leicht behindert. Mehrfach besuchen wir ihn. Er kommt sogar in die Bilderausstellung zum Vaterunser. Er isst mit uns im Gemeindehaus Abendbrot. Niemand hätte damit gerechnet. – Oder da ist die Gruppe von Jugendlichen, die wir in einem Nachbarort kennenlernen. Abend für Abend sitzen sie vor der Schule und schlagen die Zeit tot. Wir kommen ins Gespräch über den Glauben. Sie hören gespannt zu. Es ist für sie etwas völlig Neues, dass es noch mehr und völlig anderes gibt, als sie es kennen. Selbst die christlichen Einrichtungen in ihrem eigenen Wohnort kennen sie nicht wirklich. Wir machen einen Termin für einen Besuch mit ihnen dort fest.

Ja, die Menschen können erfahren, dass Gott ihnen einen Retter geschickt hat. Der möchte ihnen ganz neue und unerwartete Perspektiven zweigen. Es ist deshalb wichtig, dass wir als Christen nicht den Mund halten. Wichtig ist aber auch, dass Gott in seiner Kirche Hirten und Missionare erweckt, die dies vornehmlich tun. Unser Wort spricht eben auch gerade das Hirtenamt an. Jesus sendet dazu seine Apostel als Hirten aus. Eine wesentliche Aufgabe ist es dabei, zu predigen. Wörtlich übersetzt: „den Dienst eines Botschafters tun“. Ein Botschafter repräsentiert sein Land, steht für das Staatsoberhaupt. Was ein Botschafter sagt, hat hohe Verbindlichkeit. Sicher, auch alle anderen Bürger können ähnliches über ihr Land sagen wie der Botschafter. Was aber der Botschafter sagt, das ist verbindlich. Wenn die „Predigt“ eines Apostels, eines Botschafters an Christi Statt, abgelehnt wird, dann hat das ernsthafte Folgen. Jesus sagt dies sehr deutlich: Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Wahrlich, ich sage euch: Dem Land der Sodomer und Gomorrer wird es erträglicher ergehen am Tage des Gerichts als dieser Stadt. Was bedeutet dies nun für die missionarische Aufgabe? Ein Mensch, der durch einen Botschafter an Christi Statt angesprochen wird, wird Stellung dazu beziehen. Entweder knallt die Tür zu oder man wird eingelassen. Gott bittet mit höchstem Ernst: „Lasst mich ein, sonst könnte es zu spät sein!“

Vielleicht ist uns das gar nicht immer bewusst, wer eigentlich hinter einem solchen Dienst steht. Es geht hier nicht nur um uns als Menschen, sondern um den Herrn und seinen Auftrag. Wir sollen uns dies immer wieder zu Herzen nehmen. Wir sollen uns nicht entmutigen lassen und dafür beten, dass Gottes Wort offene Herzen findet.

Was sollen wir aber tun, wenn die Botschaft klar und deutlich abgelehnt wird? Was tun, wenn die Tür zufällt? Müssen wir dann resignieren, nach dem Motto: „Hat ja doch alles keinen Sinn?“ Nein, das müssen wir nicht, sondern Jesus gibt folgenden Rat: Und wenn euch jemand nicht aufnehmen und eure Rede nicht hören wird, so geht heraus aus diesem Hause oder dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen. Auch dies hört sich zunächst sehr hart an. Aber dieses Wort will den Zeugen weiterhelfen und sie von Resignation befreien. Wir sollen uns nicht vom Negativen und vom Misserfolg fesseln lassen, sondern getrost neue Möglichkeiten suchen. Ist dieser Mensch nicht offen für Gott, dann wird es ein anderer sein. Gott wird es schenken.

Jesus hat sich etwas dabei gedacht, dass er die Zwölf jeweils zu zweit ausgesandt hat. In schwierigen Situationen des Mission ist es gut, wenn da noch ein anderer ist, ein anderer Mensch, ein anderer Christ, der dir zur Seite steht. So war es auch bei der Missionsaktion dieser Gruppe in Ostdeutschland.

Gott sei Dank stehe ich nicht allein vor der Tür. Neben mir steht Rolf, ist Anfang 30, arbeitslos, schulterlanges Haar, barfuß in Sandalen. Er sieht aus wie ein „Hippie“ von einst. Rolf hatte uns zunächst erschreckt. Wenn d e r mitgeht, dann macht niemand die Türen auf. – O wie können wir begrenzt sein! Rolf ist einer unserer „Eisbrecher“. Wo wir anderen uns nicht trauen, schafft er freundliche Zugänge. Rolf macht mir, dem Pastor, immer wieder Mut: „Gib jetzt bloß nicht auf! Mach weiter, es wird schon werden!“ Und er hat Recht. Das Dranbleiben lohnt sich. Von Fred und den Jugendlichen habe ich erzählt.

Wieder bin ich mit Rolf unterwegs. Wir stehen vor einem staatlichen Altenheim. Kirchlicher Besuch scheint nicht erwünscht. Staatliche und kirchliche Heime sind Konkurrenten im Kampf um staatliche Mittel. „Hat keinen Sinn!“ meine ich. Rolf lässt nicht locker. Wir betreten das Büro der Heimleiterin. – Sie hört zu! Die Stimmung wird immer freundlicher und dann kommt die Bitte: „Bitte halte sie eine Andacht. Früher kam regelmäßig ein Pastor. Die Menschen brauchen das so nötig.“ Und so halte ich eine Andacht über Jesus, den guten Hirten. Am Ende bitten die alten Menschen darum, dass jeder von ihnen persönlich gesegnet wird. Ja, Menschen brauchen Jesus. Jung und Alt, Klein und Groß, Männer und Frauen …

Soweit der Bericht der Missionsgruppe. Bitten und beten wir immer wieder darum, dass der Herr Wege zu den Menschen öffnen möge. Auch hier bei uns. Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT