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Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28.6.20

27. Juni 2020 • Marlies

Micha 7, 18-20

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!
Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.
Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Liebe Schwestern und Brüder,
Bibelworte aus dem Buch des Propheten Micha kommen als Predigttext eher selten vor. Der Abschnitt, den wir eben gelesen haben, ist erst vor Kurzem neu dazugekommen. Es sind die letzten Verse des Prophetenbuches Micha.

Darin staunt Micha über die Gnade und Treue Gottes. Er lobt die Größe Gottes, dass Gott nicht zornig dreinschlägt, sondern Schuld und Verfehlungen vergibt. Dass er trotz der massiven Sünden des Volkes Israel an seinen Verheißungen festhält, die er einst den Stammvätern Abraham und Jakob zugesprochen hat.

Micha lebt und wirkt im 8. Jahrhundert vor Christus. Damals ist die Blütezeit Israels unter den Königen David und Salomo längst vorbei. Das Land ist geteilt in Nordreich und Südreich. Im Süden herrschen gravierende soziale Missstände. Die Reichen und Mächtigen leben auf Kosten der Armen. Sie nehmen sich einfach, was sie haben wollen, und wissen dabei auch noch die religiöse Machthaber auf ihrer Seite. Im Norden hat man fremde Götter in den Glauben hineingemischt. Überall im Land entstehen Opferstätten, in denen fremden Götzen gehuldigt wird.

Und Micha ist von Gott gesandt, um diese Verfehlungen beim Namen zu nennen und Gottes Gericht anzukündigen. Nicht ein Ruf zur Buße und Umkehr ist seine Aufgabe, sondern schlicht die Ansage, dass Gott sich das abtrünnige und gesetzlose Verhalten des Volkes nicht bieten lässt und entsprechend handeln wird. Fremde Herrscher werden kommen und den Untergang Israels besiegeln.

Aber – und das ist das Besondere an Michas Botschaft – gleichzeitig wird dem Volk immer wieder auch Gottes Gnade und Heil zugesagt. Wie schöne Blumen auf einem großen Müllhaufen ragen diese Botschaften aus den Gerichtsworten heraus. Sie gipfeln in der Zusage eines künftigen Herrschers, der Israel einst für immer und ewig recht leiten und zu Gott führen wird. Wir kennen diese Stelle aus den Weissagungen am Heiligabend: Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.“ Ein Hinweis auf Weihnachten schon im Juni.

Wenn man das Buch Micha durchliest – was man innerhalb einer Stunde gut schaffen kann –, fragt man sich, wie das zusammenpasst, und stellt am Ende fest: Eigentlich passt es gar nicht zusammen. Es verhält sich zueinander wie Feuer und Wasser. Da ist auf der eine Seite der Zorn Gottes über die Sünden des Volkes, der durch nichts zu besänftigen zu sein scheint. Und auf der anderen Seite begegnet uns der gnädige und barmherzige Gott, der sich aus lauter Liebe zu seinem auserwählten Volk selber in den Arm fällt und alles daran setzt, es vor seinem eigenen Zorn zu bewahren.

Wie Micha kann man schlussendlich nur resümieren: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Ja, was ist das für ein Gott, liebe Gemeinde? Dem seine grenzenlose Liebe einen Strich durch das macht, was nach seinen eigenen Gesetzen gerecht und angemessen wäre. Setzt er sich damit nicht selbst der Gefahr aus, sich von seinen eigenen Geschöpfen auf der Nase herumtanzen zu lassen? – Oder … besteht gerade darin das Bewundernswerte an ihm, dass er so oft eben nicht nach Recht und Gesetz handelt, sondern Gnade vor Recht ergehen lässt?

Ja, so ist es wohl. Gnade und Barmherzigkeit sind geradezu der Markenkern unseres Gottes. So hat er sich einst das Volk Israel erwählt und so hat er sich auch uns in Jesus Christus bekannt gemacht. Auf Seiten von uns Menschen war da nichts, womit wir das verdient hätten. Statt uns fallen zu lassen, sucht er unsere Nähe. Statt zu zürnen, gibt er immer wieder nach. Statt uns seine Rechnung für unsere Verfehlungen zu präsentieren, bezahlt er selbst die Schuld und opfert dafür seinen Sohn. Das können nur wir Christen sehen. Darin wird beides deutlich: seine Liebe zu den Menschen und der Ernst seiner eigenen Gesetze und Gebote. Er sieht nicht locker und lächelnd über die Sünden hinweg. Dazu ist Jesus Christus gekommen, dass er für die Sünden der Welt am Kreuz stirbt. So ernst nimmt Gott deine und meine Sünde: dass er keinen anderen Weg sieht, als seinen Sohn zur Todesstrafe verurteilen zu lassen und so selbst für meine und deine Sünde zu bezahlen.

Eigentlich müsste uns das genauso von den Bänken und von den Stühlen hauen wie den Propheten Micha einst, der nur voller Bewunderung bekennen kann: Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld …“ ‒ ja, der sie unter seine Füße tritt wie ein paar alte Pappkartons, damit sie besser in die Mülltonne passen, und sie da entsorgt, wo sie keiner wieder hervorholt, nämlich an der tiefsten Stelle des Meeres, kilometerweit unterm Meeresspiegel.

Können wir noch darüber jubeln und und uns freuen? Wie Martin Luther das konnte? Der war ähnlich begeistert wie Micha, als er beim Studium der Heiligen Schrift die Gnade Gottes wiederentdeckte. Wir selbst heute scheinen uns längst daran gewöhnt zu haben. Wir brechen darüber höchstens sehr dezent in Jubel aus.

Das hängt wohl auch damit zusammen, dass wir die Angst vor einem strafenden und zürnenden Gott verloren haben. Wir erklären uns vieles heute sehr rational. Dass Gott ein ganzes Volk straft, weil es sich auf gröblichste Art von ihm verabschiedet hat, das haben wir kaum noch im Blick. Hin und wieder erinnern uns noch ein paar Trümmerberge oder die eine oder andere Weltkriegsbombe daran, dass Gott wirklich zuschlagen kann. Schon hier und jetzt. Und wenn man genau hinschaut und sieht, dass wir wieder auf dem besten Wege dazu sind, dann kann ich für die nächsten Jahrzehnte nicht die Hand ins Feuer legen. Wer fragt heute nach Gottes Willen? Wer nennt heute Sünde wirklich Sünde? Und wer warnt vor Gottes Zorn?

Die Angst vor einem zürnenden Gott haben wir ins Mittelalter abgeschoben. Seuchen, wie aktuell Corona, haben ihre Ursache. Kriege sind Folgen von schlechter Politik, Unwetter haben mit dem von Menschen verursachten Klimawandel zu tun und Flucht und Hungersnöte sind unmittelbare Folgen aus dem allen. Gott ist da aus der Rechnung völlig draußen. Doch Schuld und Versagen bleiben Schuld und Versagen. Und ihre zerstörerischen Folgen sind geblieben, scheinen auch ohne Gott zu funktionieren. Eben noch waren wir stolz darauf, wie gut wir die Corona-Krise hierzulande im Griff hatten, und sehen dann, dass Ausbeutung und Sünde durchaus nicht ohne Folgen bleiben. Und das ist nicht nur in den Schlachthöfen so.

Ja, es ist durchaus zu begrüßen, dass wir die Ängste des Mittelalters vor einem strafenden und zürnenden Gott hinter uns gelassen haben. Doch in demselben Maße, wie wir diese Ängste hinter uns gelassen haben, haben wir auch oft den gnädigen und barmherzigen Gott beiseite geschoben und ihn zum lieben und damit letztlich zum wirkungslosen und überflüssigen Gott degradiert.

Aber Schuld, Versagen und Verfehlungen sind immer noch da. Ganz persönlich. Wehe dem, der nicht weiß, wie er damit umzugehen hat. Ein durchaus weiser Mann hat festgestellt: „Im gleichen Maße, wie sich die Beichtstühle leeren und man meint auf Gott verzichten zu können, – im gleichen Maße füllen sich Wartezimmer der Psychologen und Psychotherapeuten. Schuld kann das Leben zur Hölle machen, weil niemand mehr da ist, der Schuld und Versagen von uns nimmt. Da schiebt man sie sich gegenseitig zu, verdrängt sie, beschönigt sie, erklärt sie für erledigt – aber Menschen werden weiter davon beherrscht, weil sie den Herrn verloren haben. Leider. Und Ersatz dafür gibt es kaum.

Wie gut, liebe Gemeinde, dass unser Gott auch darüber nicht zornig wird und sich beleidigt zurückzieht, sondern erträgt, dass er an den Rand geschoben wird. Trotz allem hofft er immer weiter darauf und ringt darum, dass wir seine Gnade und Barmherzigkeit erkennen und annehmen. Seine Treue, die er uns in Jesus Christus geschworen hat, gilt dem Glaubenden bis ans Ende aller Tage. Immer wieder und jeden Tag aufs Neue können wir uns ihm mit unseren Lasten und Nöten zuwenden. Er wird nicht müde uns immer wieder zu vergeben, Schuld von uns zu nehmen und neu mit uns zu beginnen. Das unterscheidet ihn von allen anderen Gottheiten, die auf unserm Erdenkreis angebetet werden, und auch von allen anderen höheren Instanzen, die Urteile über uns fällen, und seien es unsere eigenen moralischen Maßstäbe. Unser Gott ist und bleibt in Jesus Christus voller Gnade und Barmherzigkeit. Und je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr können wir und mit dem Propheten freuen: „Wo ist ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt!“ Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT