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Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 23.8.2020

30. August 2020 • Marlies

2. Sam 12, 1-15a i.A.    

Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: Es waren zwei Männer in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Schäflein, das er gekauft hatte. Und er nährte es, dass es groß wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es aß von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Schoß und er hielt’s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er’s nicht über sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war. Da geriet David in großen Zorn über den Mann und sprach zu Nathan: So wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat. Da sprach Nathan zu David: Du bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: Ich habe dich zum König gesalbt über Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazutun. Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, dass du getan hast, was ihm missfiel? Uria, den Hetiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hetiters, genommen hast, dass sie deine Frau sei.

Da sprach David zu Nathan: Ich habe gesündigt gegen den HERRN. Nathan sprach zu David: So hat auch der HERR deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum Lästern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben. Und Nathan ging heim.

Liebe Gemeinde, nachdem der Nachbar gesehen hatte, dass die Äpfel an seinem Baum im Garten immer weniger wurden, hat er einen Zettel an den Baum geheftet. Darauf hatte er geschrieben: „Der Liebe Gott sieht alles!“ Tags darauf hatte der Apfeldieb dazugeschrieben: „Ja, aber er petzt nicht!“

Liebe Gemeinde, diese kleine Geschichte zeigt, dass das Unrechtsbewusstsein durchaus da ist. Aber gemäß dem Motto: „Man darf alles, man darf sich nur nicht erwischen lassen“, wird munter das getan, was niemals herauskommen soll.

Auch bei David, diesem hochgelobten König, Feldherrn und Psalmendichter, war das so. Gewöhnlich zog König David mit seinem Heer in den Krieg, nicht so dieses Mal. Er blieb in seiner Hauptstadt, in seinem Palast, und machte Urlaub vom Krieg. Er ist auf der Dachterrasse seines Palastes, hat sein Mittagsschläfchen beendet und schaut sich ein wenig um. In der Nachbarschaft wäscht sich eine Frau. Sie ist sehr schön, diese Frau, und sie erweckt seine Begierde. Er erfährt: Diese Frau ist verheiratet, verheiratet mit seinem Feldhauptmann. Er lässt sie trotzdem in den Palast bringen. Er wohnt ihr bei und sie bekommt ein Kind von ihm. – Das war so nicht geplant. David versucht, dieses Kind als Kuckuckskind seinem Hauptmann unterzuschieben, er befiehlt den Hauptmann auf Heimaturlaub. Wider Erwarten lässt dieser Trottel von Hauptmann sich nicht dazu bewegen nach Hause zu seiner Frau zu gehen. Das erlaubt ihm seine Kriegerehre nicht. Seine Kameraden stehen im Feld und im Kampf und er soll sich mit seiner Frau vergnügen – niemals! – Nun, wer nicht hören will, muss fühlen, und so schickt David ihn an die vorderste Frontlinie, wo er mit Sicherheit nicht überlebt. Und es geschieht, wie David es geplant hat. Die Frau ist jetzt Witwe, er gliedert sie ein in die Schar seiner Frauen, denn er hatte mehr als nur eine. Ja, auch David wusste, dass der Herr alles sieht, aber er hatte nicht mit Konsequenzen gerechnet.

 

Als der Prophet Nathan erscheint, trägt er seinem König eine ungeheure Geschichte vor. David wird zornig. Denn das, was berichtet wird, macht ihn wütend. Eine Ungeheuerlichkeit! Ein Mann, der im Überfluss lebt, vergreift sich am kargen Besitz eines Armen, der dazu noch sehr an seinem einzigen Schaf hängt. David nennt den reichen Mann „ein Kind des Todes“. Einen, der von Gott nichts hält und nichts von Gott weiß. Aber David ist auch der oberste Richter seines Volkes. Er kennt sich aus in den Vorschriften und Gesetzen des Alten Testamentes. Und so lautet sein Urteil trotz seines Zornes ganz im Sinne des Gesetzes: Wer ein Tier entwendet, der soll es vierfach bezahlen!

Noch ist nicht die Rede davon gewesen, wer dieser Mann ist. Und dieses Geheimnis lüftet Nathan zuletzt: „Du bist der Mann!“ – „So spricht der Herr: Uria, den Hetiter, hast du durchs Schwert umgebracht, seine Frau hast du dir zur Frau genommen. Ich habe dich in allem reich beschenkt – warum hast du getan, was dem Herrn missfiel? Das Schwert soll von deinem Hause nimmermehr weichen, weil du gemordet und dir die Frau deines Hauptmannes zur Frau genommen hast!“

Der Herr sieht alles, aber er petzt nicht? David sieht plötzlich, dass er sich deutlich verrechnet hat. Auch er als Machthaber ist Gott verantwortlich. Vor Gott ist er ein Mensch wie jeder andere. So erkennt der Glaube. Und das ist das Besondere dieser Geschichte: David redet sich nicht heraus, er schmeißt diesen unverschämten Propheten nicht hinaus oder tut ihn etwas Schlimmes an. Nein, keine Ausflüchte, nur sein Bekenntnis der Sünde. „Ich habe gesündigt gegen den Herrn!“

Ich habe gesündigt gegen den Herrn! – Das mögen sich alle die Machthaber hinter die Ohren schreiben, die unbequeme Leute vergiften, die alles tun, nur um an der Macht zu bleiben, Wahlfälschung inbegriffen. Aber wir brauchen überhaupt nicht auf andere zu zeigen. Im kleinen Stil gehören wir alle dazu. Und Jesus Christus lehrt uns, da genau hinzusehen. Und das gehört zu den schwersten Übungen. Über andere urteilen wir leicht. Aber wie ist das mit uns selbst? Wenn wir zu hören bekommen: „Du bist der Mann“? Oder: „Du bist die Frau?“

 

Der liebe Gott sieht alles – aber er petzt nicht? – Nein, er petzt nicht, aber er hat den Menschen seine Gebote gegeben. Ihn zu ehren und den Mitmenschen zu achten in allem, was ihm gehört, ja sogar ihm zu helfen, damit er das, was er hat, behalte und vermehre.

Damit stellt sich die Frage des Umganges mit Schuld und Sünde ganz grundsätzlich. Was tun, wenn das Kind in den sprichwörtlichen Brunnen gefallen ist? Was tun, wenn man merkt und spürt: Da ist etwas nicht in Ordnung? Nicht vor den Menschen und nicht vor Gott? Soll man nach dem Motto handeln: Solange das nicht herauskommt, ist es egal? Gott sieht zwar alles, aber er petzt nicht?

Wir als Christen sind in einer beneidenswerten Lage. Durch die Heilige Taufe gehören wir zu unserm Herrn Jesus Christus. Gott sieht uns als Gerechte an, wenn wir im Glauben an unsern Herrn und Heiland stehen. Und der Herr weiß, was für Gewächse wir Menschen sind. Auch wir Getauften. Wir ermangeln des Ruhmes, den wir bei Gott haben sollten, betont der Apostel Paulus. Da ist niemand, der nur Gutes tue und nicht sündige. Wir können da nicht aus unserer Haut heraus. Und selbst, wenn uns da manches gelingen mag: Wir bleiben Menschen, die Gottes Hilfe und Vergebung nötig haben. In besonderen Fällen bietet sich das persönliche Gespräch mit dem Pfarrer an. Das Gespräch über Probleme und Sünden, die uns beschäftigen. Mancher, der das nicht tut und dies nicht wahrnimmt, ist darüber krank geworden. Wir wissen heute etwas vom Zusammenhang von verdrängter Schuld und Gesundheit. Die bleibt meist nicht ohne Spuren. Und wer erlebt hat, was die Vergebung Gottes bedeutet und bewirkt, der wird erleichtert aus einer Beichte gehen. Martin Luther hat einmal gesagt: „Habe ich dich zur Beichte gebracht, so habe ich dich dazu gebracht, ein Christ zu sein.“ Der Herr Christus hat für uns Sünder sein Leben als Bezahlung für unsere Sünden gegeben. Sein Angebot anzunehmen, seine Sündenschuld loszuwerden, das bietet er an. Im Gespräch, im Auflegen der Hände, in der Absolution: der Vergebung im Namen und auf Befehl unseres Herrn.

Was aber, wenn wir uns nicht schuldig fühlen? Wenn wir uns keiner Probleme bewusst sind? – Wir sind und bleiben Sünder – unser Leben lang! Luther hat deswegen den Rat gegeben: Auch wenn dir nichts bewusst ist: Vor Gott darfst du dich aller Sünden schuldig bekennen, selbst die, von denen du nichts weißt oder nicht einmal etwas davon ahnst. Gottes Vergebung und sein Zuspruch gilt: Dir sind deine Sünden vergeben! Die Gotteskindschaft gilt dir ohne Einschränkungen.

Gott petzt nicht? Nein, das tut er nicht. Selbst der Pfarrer ist in der Beichte an das Beichtgeheimnis gebunden und nichts von dem, was da zur Sprache kommt, wird den Raum des Gespräches verlassen. Nur 6 Ohren hören zu: Der Pfarrer, der Beichtende und der Herr Jesus Christus. Und letzterer freut sich besonders, freut sich mit den Engeln im Himmel über einen Sünder, der Buße tut, dem die Sünden vergeben und dem die Lasten abgenommen sind.

Zurück zu David und dem Propheten Nathan: Nathan muss David schwere Strafe ankündigen. Krieg und Unheil wird kommen über David. Aber David flüchtet sich nicht in Ausreden: Sein Bekenntnis: „Ich habe gesündigt gegen den Herrn!“ – Ohne Wenn und Aber. Deshalb darf Nathan David zusprechen: „So hat der Herr deine Sünde weggenommen, du wirst nicht sterben!“

Gott petzt nicht, sondern er ist gnädig. Auch den Menschen schon im Alten Bund. Diejenigen, an die Gott sein Herz gehängt hat, bewahrt er. Diejenigen, die seinem Sohn Jesus Christus angehören, ganz besonders. Amen.

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