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Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.8.20

15. August 2020 • Marlies

Römer 11, 25-32

Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist; und so wird ganz Israel gerettet werden, wie geschrieben steht: »Es wird kommen aus Zion der Erlöser, der abwenden wird alle Gottlosigkeit von Jakob. Und dies ist mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.«

Im Blick auf das Evangelium sind sie zwar Feinde um euretwillen; aber im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen. Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen. Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen. Denn Gott hat alle eingeschlossen in den Ungehorsam, damit er sich aller erbarme.

Liebe Gemeinde, auf der französischen Gefängnisinsel war er völlig schuldlos eingesperrt, 14 furchtbar lange Jahre! Erinnerst du dich an die Geschichte des „Grafen von Monte Christo“? Kurz bevor der junge Seemann Edmond Dantès, der spätere Graf von Monte Christo und Titelheld, sich aus Verzweiflung das Leben nehmen will, gelangt der alte Geistliche Abbé Faria in seine Zelle, weil der Geistliche seinen eigenen Fluchttunnel falsch berechnet hatte. Faria unterrichtet den jungen Mann und nennt ihm das Geheimnis eines unermesslichen Schatzes auf der Insel „Monte Christo“.

Als der Abbé stirbt, näht der junge Mann sich selbst in den Leichensack ein und wird über die Gefängnismauern ins Meer geworfen, wodurch er in die Freiheit und schließlich zu unermesslichem Reichtum gelangt.

Gefangenschaft ist etwas Furchtbares und wie viel Menschen alles für die Freiheit riskieren, kann man in diesen Tagen in Weißrussland sehen. Der bekannte Ausleger Ulrich Wilckens übersetzt den letzten Vers unseres Predigtabschnitts wie folgt: „Gott hat nämlich alle in das Gefängnis des Ungehorsams eingesperrt, um sich aller zu erbarmen.

Das ist unser menschliches Schicksal, eingesperrt im selbstgebauten Gefängnis unseres menschlichen Eigensinns und Ungehorsams gegen Gott – alles andere als schuldlos!

Das Volk Israel hat den Schlüssel und nutzt ihn nicht – es ist erwählt, aber „verstockt“. Der Apostel Paulus schreibt der Christengemeinde in Rom, die er selbst noch gar nicht kannte. Er kann aber davon ausgehen, dass zu dieser Hauptstadtgemeinde Lateiner, Griechen, vielleicht ein paar Afrikaner, aber eben auch Judenchristen gehören.

Deshalb denkt er drei lange Kapitel seines Briefes über das Verhältnis seines Volkes Israel zu den Christen aus anderen Völkern nach. Und jedes Jahr an diesem 10. Sonntag nach Trinitatis schließen wir uns diesem Nachdenken an.

Wenn wir über andere nachdenken und uns Bilder vor Augen malen, so wie z. B. vom typischen Amerikaner – unmoderner karierter Anzug, zu kurze Hosen, einen breitkrempigen Hut auf dem Kopf und eine dicke Fotokamera vor dem Bauch – das wusste man lange Zeit: ein Amerikaner.

Oder Chinesen und Japaner: Sie treten busweise und in Scharen auf, sind elegant gekleidet und klein von Gestalt: Auch wenn man die Gesichter nicht sieht: Man weiß, wen man vor sich hat.

Und wir Deutschen? Wir sprechen jetzt mal nicht vom Ballermann auf Mallorca, sprechen wir von uns selbst, von den Kirchenleuten. Unser Bischof berichtet, dass er in der Regel auffällt bei Besuchen und Kontakten kirchlicher Art im Ausland. Immer korrekt gekleidet und als Kirchenmann zu erkennen, auch dann, wenn es überhaupt nicht erforderlich ist. Auf einem Ausflug fiel er auf, so berichtet er, dass er als Einziger mit Collarhemd und Jackett auftauchte, sehr zum Erstaunen seiner Begleiter. „He’s a German“, hieß es dann. Er ist halt ein Deutscher.

Bei einer anderer Gelegenheit stand er mit einer großen Gruppe in Wittenberg vor der sog. „Judensau“ an der Stadtkirche, einem mittelalterlich-antisemitischen Spottbild, vor dem man sinnvoll eine Holocaust-Gedenkplatte in den Boden eingelassen hat. Und plötzlich sind alle Augen der ausländischen Gäste fragend auf ihn gerichtet. Er beginnt diesen Teil unserer deutschen Geschichte zu erzählen, von einer rassistischen Judenverfolgung, wie es sie so schrecklich noch nie gegeben hatte. – Er ist ein Deutscher, „He is a German!“ – unentrinnbar.

Paulus als Jude leidet in seinem Römerbrief an seinem Volk und an der Frage, warum sie nicht alle an den Retter und Messias Jesus Christus glauben. Da ist Paulus unentrinnbar ein Jude. Er schreibt: „Im Blick auf die Erwählung sind sie Geliebte um der Väter willen.“ Mit den Vätern meint er die Stammväter des Volkes Israel, Abraham, Isaak und Jakob. Er meint damit die ganze Heilsgeschichte des Gesetzes, der Geschichtsbücher und Propheten. „Denn Gottes Gaben und Berufung können ihn nicht gereuen.

Im Bild unserer Predigt gesprochen: Das Volk Israel hat den Schlüssel aus dem Gefängnis in der Hand. In den Schriften der hebräischen Bibel wird immer und immer wieder der Retter und Messias verkündigt. Aber Paulus muss konstatieren: „Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“.

Was Paulus der Christengemeinde in Rom dann deutlich macht, ist Folgendes: Ihr als Heidenchristen seid befreit, aber bildet euch bloß nichts drauf ein! Paulus schreibt: „Denn wie ihr zuvor Gott ungehorsam gewesen seid, nun aber Barmherzigkeit erlangt habt wegen ihres Ungehorsams, so sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.

Liebe Gemeinde, ein bisschen müsst ihr euch das vorstellen wie in der Geschichte des Grafen von Monte Christo: Der junge Edmond Dantès gelangt in die Freiheit, weil der alte Abbé Faria zurückbleibt.

Wir, als ein nichtjüdisches Volk, wir als Deutsche, haben Anteil an der ganzen Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk. Durch Jesus Christus ist unser Gefängnis aufgeschlossen. Durch den Tod des Messias ist unsere Schuld vergeben, sind wir auf ewig frei.

Aber bildet euch nichts drauf ein, sagt Paulus: „Ich will euch, liebe Brüder, dieses Geheimnis nicht verhehlen, damit ihr euch nicht selbst für klug haltet: Verstockung ist einem Teil Israels widerfahren, so lange, bis die Fülle der Heiden zum Heil gelangt ist“.

Das Geheimnis der Erlösung Israels am Ende: Wenn die Zahl der zum ewigen Leben Berufenen aus den Heidenvölkern vollzählig ist, wird schließlich auch das Volk Israel gerettet werden. „So sind auch jene jetzt ungehorsam geworden wegen der Barmherzigkeit, die euch widerfahren ist, damit auch sie jetzt Barmherzigkeit erlangen.“ Gott wird sich aller erbarmen, auch des Volkes Israel.

Dabei ist für Paulus völlig klar, dass dieses geheimnisvolle Geschehen nicht an Jesus Christus vorbeiführen kann. Er hatte ja den Römern gerade erst geschrieben: Alle sind Sünder und haben bei Gott keinen Ruhm „und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist.

Edmond Dantès findet auf der Insel Monte Christo, was man mit „Berg Christi“ übersetzen kann, einen unermesslichen Schatz und damit seine Freiheit. Unser „Monte Christo“ ist der Hügel Golgatha, wo Jesus Christus unsere Freiheit erkämpft hat.

Liebe Gemeinde, eine Diktatur „herrscht entweder ganz oder gar nicht“, so hat jemand gesagt. Das können wir zurzeit im Fernsehen verfolgen und in der Türkei sehen und in Weißrussland: Entweder Lukaschenko herrscht ganz und unterdrückt alle brutal, oder er ist ruckzuck verschwunden. Die chinesische Diktatur herrscht entweder im ganzen Land, auch in Hongkong, oder sie ist ruckzuck verschwunden.

Die Diktatur der Unfreiheit von Sünde, Tod und Teufel herrscht entweder auf der ganzen Erde oder gar nicht.

Um sein Volk Israel von dieser Diktatur zu retten, hat Gott einen Schritt in Jesus Christus getan, der der ganzen Welt gilt. Anders ging es nicht, denn die göttliche Freiheit in Christus kennt keine Grenzen. Und Paulus folgert: Also wird die Erlösung auch das Volk Israel noch erreichen. Wie Gott das macht, das bleibt sein Geheimnis. Bis dahin aber sind wir dem Volk Israel das Glaubenszeugnis von Jesus Christus schuldig: mit Hochachtung und Respekt, mit tiefer Demut vor dem Hintergrund unserer deutschen Geschichte und mit Klarheit. Amen.

Categories: Allgemein, ANgeDACHT