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Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 14.6.20

17. Juni 2020 • Marlies

5. Mose 6, 4-9

Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

Liebe Gemeinde,

ein hochaktuelles Wort: Gott ist nur einer! „Wir glauben doch alle an denselben Gott, egal wie wir ihn nennen!“ So tönt es uns entgegen. Dahinter steht die Ansicht: Es ist doch egal. Ob ich Moslem, ob ich Jude, ob ich Christ bin. Möge doch jeder aus seinem Glauben das Beste machen, und gut ist! – Diese Gedanken sind gewiß nicht neu, große Dichter haben daraus ganze Stücke gemacht, in der besten Absicht. Und doch voll daneben. Was wir hier vor uns haben, das ist das Grundbekenntnis des Volkes Israel zu seinem Gott. Zu dem Herrn, der sie aus Ägyptenland geführt hat. Der sie durch Wüste und durch Kriege geführt hat in das verheißene Land. Dieser Gott und kein anderer. Wir als Gemeinde, als Kirche Jesu Christi, wir haben da durchaus ein Problem. Am vergangenen Sonntag haben wir das Fest der Hl. Dreieinigkeit gefeiert. Haben uns daran erinnert, dass dieser eine Gott, von dem hier die Rede ist, dass er uns in drei Personen gegenübertritt. Vater, Sohn und Heiliger Geist. Das Gespräch an dieser Stelle mit einem Juden bricht ab. Nein, die Dreieinigkeit ist mit dem alten Jahweglauben in der Sicht des Juden nicht vereinbar. Auch der Moslem winkt ab: Gott ‒ für ihn Allah ‒ ist einer. Da könnte er noch folgen. Aber Allah hat die Seinen gewiss nicht aus Ägyptenland geführt.

Für uns Christen aber gibt es hier ganz entscheidende Punkte in diesem Wort. Wir erinnern uns ja an die Worte Jesu als Antwort auf die Frage nach dem höchsten Gebot: Seine Antwort war eben dieses Wort: „Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft!“ Und es gilt, dieses Wort. Es gilt für uns. Umso mehr, als dass eben dieser Gott, von dem hier die Rede ist, ein Gesicht bekommen hat, eine Gestalt. Dieser Gott wurde Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit … sagt das Johannesevangelium. Ja, wir wissen diesen Gott bei uns in Jesus Christus, unserm Herrn. Der für uns noch mehr getan hat, als dass er uns von einem Land in ein anderes gebracht hat: Der uns durch seinen Tod die ewige Seligkeit erkauft hat. Der uns die Liebe Gottes zu den Menschen gezeigt hat. Und der nun nichts weiter möchte als unsere Dankbarkeit und unsere Liebe zu ihm und den Mitmenschen.

Und so können wir den zweiten Abschnitt überschreiben: Habe ihn lieb, unsern Herrn, von ganzem Herzen!

Das mit dem liebhaben, das ist durchaus keine Theorie. Das ist abgekupfert aus der Liebe zwischen uns Menschen, zwischen Mann und Frau. Wie ist das bei uns, wenn wir frisch verliebt sind? Vielleicht erinnert sich mancher noch sehr genau: Da geht einem das Bild jenes Menschen nicht aus dem Kopf. Da trägt man es mit sich, den lieben langen Tag, und es ist auch da, wenn man sich abends niederlegt. Alle Sinne kreisen um diese liebgewonnene Person. Und man möchte am liebsten mit der ganzen Welt darüber sprechen: darüber, wie es einem geht. Wie großartig jene Person ist. Wie sagt man doch so schön: „mein Schwarm“, und das kommt von schwärmen, vom unentwegten Reden in rosaroten und himmelblauen Farben, eben von jener Person, an der das Herz hängt. Kleine Zeichen der Freundschaft trägt man bei sich: einen Freundschaftsring, ein kleines Geschenk, ein Bändchen, heute die SMS vom Handy ‒ völlig egal, Hauptsache, es stammt von der oder dem Verehrten. Am liebsten sollten es alle wissen und alle sehen: So steht es mit mir, so steht es mit uns beiden!

Liebe Gemeinde, auch wenn da in dem einen oder anderen Punkt die Traditionen verschieden sein mögen: Jeder wird sich mit etwas Nachdenken da irgendwo wiederentdecken. Wenn nicht, wäre es zumindest eigenartig. Die Liebe zu einem anderen Menschen macht und setzt Fantasie frei und Kreativität. Auch die Liebe zu Gott macht da keine Ausnahme. Bis dahin, dass Menschen anfangen zu dichten, Melodien und Lieder zu verfassen, zu musizieren und zu singen. Der ganze Schlagerhimmel ist voll davon, von zumeist oberflächlicher Liebe. Und genauso unser Gesangbuch auch. Einschließlich dreier Cosis und des blauen Beihefts, das in Wedding gebraucht wird. Es gehört einfach dazu, wenn wir es in die Tat umsetzen: „den Herrn lieb haben, von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft“! Aber noch viel mehr ist da zu nennen: Wieder wird es ganz persönlich: besonders bei den Damen … da sind Kettchen gefragt, Gold oder Silber, mit einem Kreuz dran. Groß oder kleiner, mit Ornamenten oder ohne, sogar manche mit Korpus. Ein kleines Kruzifix, getragen mit einem Kettchen um den Hals. Zur Taufe schon bekommen, zur Konfirmation ‒ manchmal wird man als Pfarrer gelöchert lange vor der Konfirmation nach dem Konfirmationsspruch. Es wird eingraviert auf der Rückseite des Kreuzchens. Oder wenn ich an meinen Ehering denke: Auch wenn ich ihn nur noch schwer vom Finger bekomme: Innen stehen zwei Bibelstellen: Eine haben meine Frau und ich von einem Freund zur Verlobung 1981 bekommen, den Vers zur Trauung haben wir dann zusammen ausgesucht. Beide haben wir eingravieren lassen, nebst Datum auf der Innenseite. Alles nichts Neues, ich bin sicher, dass es bei vielen von Euch ähnlich ist. Wir versuchen das. was uns wichtig ist und uns am Herzen liegt, irgendwie auch sichtbar und greifbar zu machen.

Unser Wort heute geht da ganz ähnliche Wege. Nach der Aufforderung dieses Wortes war es in Israel z. T. bis heute üblich, dass man Worte der Thora auf kleine Pergamentstreifen schrieb und diese in einer kleinen Lederkapsel am Stirnband und am linken Handgelenk trug. Worte Gottes aus dem AT. Wichtige Stellen, die man immer bei sich tragen wollte und die man nie vergessen wollte. „Und diese Worte … sollst du binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein“, Worte wie dieses: „Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein. Und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit aller deiner Kraft!“ – so hat man dieses Wort umgesetzt, wie gesagt, bis in unsere Tage hinein.

Noch weitere Arten gibt es. Ein Beispiel aus einem Dorf in Hessen. Viele Häuser wurden als Fachwerkhäuser gebaut. Es gab immer einen dicken Balken auf der Eingangsseite des Hauses zur Straße hin, quer über die ganze Hauslänge. Eingeschnitzt die Worte: „Heinrich Müller und seine Ehefrau Martha geb. Schmidt haben Gott vertraut und dieses Haus gebaut, durch Zimmermeister Bubenheim Anno Domini 1904“. Jahreszahlen und Namen wechselten an den Häusern, aber der Spruch war stets ähnlich. Das Wagnis des Lebens – ein Haus gebaut. Geld aufgenommen bei Banken oder Verwandtschaft, alles auf eine Karte gesetzt, ein Haus gebaut. Schulden für viele Jahrzehnte gemacht, darauf gebaut, dass man sie abbezahlen konnte, dass die Gesundheit mitspielte, dass die Ehe hielt, dass der Blitz nicht einschlug und das Lebenswerk zu Asche verbrannte. „Gott vertraut und dieses Haus gebaut“ ‒ sichtbares Zeugnis des Gottvertrauens. Wie heißt es hier: „Du sollst diese Worte schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore“! So hat man versucht nach außen hin sichtbar zu machen, was innere Triebkraft war, in Hessen. Heute, wenn ich manche Wohnung komme, dann sehe ich durchaus einen Bibelspruch, gerahmt am Eingang. Oder einen Haussegen. Etwas, was deutlich daran erinnert, wes Geistes Kinder die Bewohner dieser Wohnung oder dieses Hauses sind. Nach außen hin zu verdeutlichen ist wichtig, Glaube ist nicht Privatsache, sondern Zeugnis auch für andere.

Neben all diesen schriftlichen und sichtbaren Zeichen aber bleibt immer das Eine wichtig: die innere Verbundenheit mit unserm Herrn und Heiland. Er ist Grund und Ursache für alles Tun. Die Liebe zu ihm zählt und wirkt sich aus in der Liebe zu denen, die uns nahestehen und die uns befohlen sind. Da dürfen und sollen wir Fantasie entwickeln, uns Gedanken machen und sie im Herzen tragen. Auch im Herzen und im Gebet vor Gott tragen. Auch und gerade die, die uns vielleicht Probleme machen. Wirkliche Probleme. Und dass wir uns daran erinnern: Unser Herr Christus ist für alle Menschen gestorben und er liebt alle Menschen. Wir haben nur das einzige Privileg, dass wir es wissen und daran glauben, und ihm danken. Wir dürfen uns daran erinnern, dass Luther in der Erklärung aller Gebote auch immer von der Liebe spricht, die wir unserm Herrn entgegenbringen möchten und die sich auswirkt auf die Mitmenschen. Vom ersten bis zum letzten Gebot. Weil wir geliebte Kinder Gottes sind, dürfen und können wir ihn lieben. Von ganzem Herzen. Amen.

 

 

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