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Predigt am Sonntag Kantate, 10.5.2020

10. Mai 2020 • Marlies

Apostelgeschichte 16, 23-34

Nachdem man Paulus und Silas hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie. Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab. Als aber der Aufseher aus dem Schlaf auffuhr und sah die Türen des Gefängnisses offen stehen, zog er das Schwert und wollte sich selbst töten; denn er meinte, die Gefangenen wären entflohen. Paulus aber rief laut: Tu dir nichts an; denn wir sind alle hier! Da forderte der Aufseher ein Licht und stürzte hinein und fiel zitternd Paulus und Silas zu Füßen. Und er führte sie heraus und sprach: Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde? Sie sprachen: Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig! Und sie sagten ihm das Wort des Herrn und allen, die in seinem Hause waren. Und er nahm sie zu sich in derselben Stunde der Nacht und wusch ihnen die Striemen. Und er ließ sich und alle die Seinen sogleich taufen und führte sie in sein Haus und deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben an Gott gekommen war.

Liebe Gemeinde – der erste Gottesdienst nach langer Zeit in der heimischen Kirche, mit den bekannten Gesichtern (wenn man mal von den empfohlenen Masken absieht). Endlich, muss ich sagen. Endlich, nach 8 Wochen ohne den eigenen Gottesdienst. Die Amtsbrüder im Bezirk klagten alle, wenn ich sie anrief. „Komische Zeit“, hieß es. Kein wirklicher Wochenrhythmus. Ich weiß kaum, ob Dienstag oder Donnerstag ist. Ein Tag sieht aus wie der andere. Und die Gottesdienstsendungen im Fernsehen oder im Internet sind ja mal ganz interessant, aber wirklicher Ersatz sind sie nicht. Es würde sich übrigens wirklich lohnen, liebe Gemeinde, einmal zu klären, was ein Gottesdienst eigentlich ist. Was ihn ausmacht. Und wann es kein Gottesdienst ist, sondern bestenfalls eine Veranstaltung, an der man teilnimmt, als Zuschauer, als Notlösung.

Dann gab es unter den Brüdern im Bezirk Bemühungen, Gottesdienste aufzuzeichnen fürs Internet. Das war komisch, wurde mir berichtet. Es fühlte sich an wie die Geisterspiele im Fußball. Ohne Menschen auf den Zuschauerrängen. Geisterspiele eben. Eigenartig, ohne den Geist der Begeisterung. Was für die Fußballspiele gilt, gilt also auch ein Stück weit für den Gottesdienst. Ohne die Gemeinschaft der Mitbrüder und Mitschwestern, ohne Menschen, die mitsingen und mitbeten, die mit auf das Wort Gottes hören, die sich gegenseitig trösten und stärken, die sich begegnen und ihren Glauben und ihre Freuden miteinander teilen, ist es eigenartig. Corona machte es notwendig; die Nächstenliebe befahl, so zu handeln. Rücksicht auf die Gesundheit und das Leben anderer und vielleicht auch das eigene Leben machten dies notwendig. In diesem Falle sogar staatlich verordnet. Und wenn wir heute hier zusammen sind, dann eben auch mit den Einschränkungen, die wir ertragen müssen. Es gibt durchaus Gedanken wie diese: Wenn ich eine Mund- und Nasenabdeckung tragen soll, dann komme ich nicht. Wenn wir nicht wirklich singen können, dann komme ich nicht. Wenn diese Abstandsregeln eingehalten werden müssen, dann finde ich das eigenartig. Ja, mir wurde berichtet über mehrere Kirchenvorsteher im Kirchenbezirk, die alle diese Maßnahmen rund um Corona für ein großes Affentheater halten, von unfähigen Politikern sinnlos in Szene gesetzt. So wörtlich. Und die es ablehnen, ihren Pfarrer bei der Durchführung von Gottesdiensten in diesen Tagen zu unterstützen. Und, liebe Schwestern und Brüder, ich bin froh, dass ich einen solchen Kirchenvorstand habe, der solche Sichtweisen nicht teilt und der dafür sorgt, dass wir Gottesdienst halten können. Und der sich Gedanken macht, wie und unter welchen Umständen wir zusammenkommen können und Gottesdienst halten können. Und welche Maßnahmen gut und hilfreich sind und Sicherheit bieten. Dass ich euch Kirchenvorsteher und -innen dafür dankbar bin, dass habe ich in diesen Tagen als Superintendent neu gelernt. Und das möchte ich hier einmal ganz deutlich sagen und euch dafür danken. Und ich möchte euch Gemeindegliedern danken, die ihr es euch trotz aller Widrigkeiten nicht nehmen lasst, euch hier gottesdienstlich zu versammeln. Denn Gottesdienst ist seiner Bestimmung nach Zusammenkunft und lebt davon, dass Menschen zusammenkommen und im Namen des Herrn Jesus Christus sich versammeln. In seiner Mitte und um sein Wort und Sakrament versammelt: Nichts anderes ist Gottesdienst sei Urzeiten. Und das ist per Fernseher nicht zu machen.

Dass es besondere Zeiten gibt, haben wir gelernt. Und wir lernen und sehen, wie die Apostel Paulus und Silas mit besonderen Zeiten umgehen. Die beiden erleben hautnah solche besonderen Zeiten. Sie liegen im Gefängnis, im innersten Gefängnis, im Hochsicherheitstrakt, misshandelt, Peitschenwunden auf dem Rücken, zusätzlich gesichert mit den Füßen im Block. In Dunkelheit, im Dreck der Vielen, die vor ihnen da schon gelegen haben. Im Gefängnis in Philippi.

Die Ereignisse in Philippi zuvor hatten durchaus vielversprechend begonnen. Eine Frau namens Lydia wird bekehrt, öffnet ihnen Herz und Haus. Aber dann: Eine Wahrsagerin, eine Sklavin, kommt Paulus und Silas in die Quere. Sie hatte einen Wahrsage-Geist. Sie hatte Fähigkeiten, mit denen ihre Herrschaften, ihre Besitzer, viel Geld verdienten. Diese Frau sagte Leuten ihre Zukunft voraus, und die Leute bezahlten dafür. Das Geld strich ihr Herr und Besitzer ein. – Auf diese Frau treffen die beiden Missionare und erleben einen Aufschrei dieser Frau mit der laut ausgerufenen Botschaft: „Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkünden“! – Ein Wahrsage-Geist – für uns etwas unverständlich – aber damals nicht ungewöhnlich; Geister aller Art haben Besitz von Menschen ergriffen, böse Geister, Dämonen des Teufels. Auch dieser Wahrsagegeist gehört dazu, auch wenn er gerade mal etwas Gutes und Richtiges sagt. Der böse Geist wird ausgetrieben und damit beginnt das Unglück. Oder ist es doch kein Unglück? Zunächst ergeht es Paulus und Silas schlecht. Sie werden wegen Störung der öffentlichen Ordnung angeklagt, aufgegriffen, geschlagen und landen im Gefängnis. Die Herrschaften jener Sklavin mit dem bösen Geist haben also großen Einfluss und wollen sich die Störung ihrer Geschäftsgrundlage nicht bieten lassen. –

Da liegen sie nun, im Gefängnis, im Dunkeln voller blutender Wunden, im Dreck, eingeschlossen mit den Fußen im Block.

„Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und die Gefangenen hörten sie.“ – Das muss man sich vorstellen. Da werden zwei „Neue“ eingeliefert, offenbar ganz schlimme Brüder, sie kommen in Spezialbehandlung, die Füße im Holzblock fest verankert; das ist schmerzhaft.

Mitternacht ist da, was tun die beiden? „Sie beten und loben Gott“! Nun, das klingt erst einmal so, dass wir einen Hilfeschrei vermuten würden – es ging ihnen ja wirklich übel. Und das ganz unverdientermaßen, als ob sie etwas Schlimmes getan hätten. – Sie beten und loben Gott, lesen wir. Und was sie da genau tun, das muss man erst einmal erforschen. Der erste Hinweis ist die Zeit: Mitternacht. Ja, Paulus und Silas stimmen keinen Jammergesang an, sondern sie halten das Nachtgebet. Das Nachtgebet der christlichen Gemeinde, später die Complet, die finden wir sogar in unserm Gesangbuch. Es ist das Tagzeitengebet, das um Mitternacht an der Reihe ist und das jeden Tag gehalten wird. Mit Lobpsalm, Gebet und Gesang. Das halten die beiden. Auch im Gefängnis. Auch in ihrer jetzigen Situation. Sie fragen nicht danach, wie es ihnen gerade geht und ob sie nicht doch gerade andere Sorgen haben. Da wird ganz ohne Frage das getan, was jeden Tag getan wird. Und so, wie sie es jeden Tag tun, Woche für Woche, Jahr für Jahr. Sie halten das Nachtgebet und singen Gott zur Ehre.

Der Kantate-Sonntag erinnert uns ganz besonders daran, an das Singen. Nicht, weil das so schön ist, das auch – sondern daran, dass Kirche immer singende Kirche gewesen ist. Und das der Lobgesang Gottes niemals verstummt ist. Selbst in den schlimmsten Zeiten hat dies den Menschen über Hürden hinweggeholfen. Mit dem Loblied Gottes haben sie Unglücke und Katastrophen überwunden, haben sich hinweggeholfen über schwere Zeiten. Wie man auch an den Gräbern der eigenen Angehörigen Loblieder Gottes singen kann, das haben die Nichtchristen damals nicht begriffen. – Ja, man kann. Christen können das und sie machen Eindruck damit. Wir lesen da: „Und die Mitgefangenen hörten sie“. Für die Mitgefangenen steht da ein großes Fragezeichen im dunklen Raum. Was tun die beiden da? Woher nehmen sie die Kraft dazu? Tatsächlich. Da sind Menschen, die haben etwas, was andere nicht haben. Da sind zwei, denen ist die Situation nicht zu schwierig. Die Umstände sind nicht völlig unzumutbar für die beiden. Das sind gänzlich neue Töne an diesem dunklen und schmutzigen Ort. Dieser Gesang läßt aufhorchen. Er ist Zeugnis für Gott und Trost von Gott zugleich. Für Paulus und Silas das ganz Normale, die tägliche Christenpflicht.

Damit nicht genug. Die Mitgefangenen bekommen noch mehr zu hören und zu spüren. Etwas, mit dem überhaupt nicht zu rechnen ist: Die Gefängnismauern kommen durch ein Erdbeben ins Wanken, die Türen halten nicht mehr zu, alle Sicherungen der Gefangenen werden zerstört. Türen sind offen, der Weg nach draußen ist frei. Nicht mit Tricks und List, sondern durch die Hand Gottes.

Man könnte also, wenn man wollte. Man könnte sich aus dem Staube machen. Die Gelegenheit kommt so schnell nicht wieder.

Aber Gott hat anderes geplant. Der Herr will den Lobgesang mehren. Auch dem Kerkermeister, der eigentlich in Freiheit und Freuden lebt, sollen Türen geöffnet werden. Türen zu Gott. Türen zum Glauben. Aber bis es soweit ist, muss dieser Beamte noch einiges an Schrecken überstehen. Er fährt aus dem Schlaf hoch, sieht seine Anstalt zerstört und alle Türen offen. Seine Familie und sein eigenes Haus interessieren ihn nicht so sehr. Sein Blick gilt seiner Aufgabe. Es wird ihn den Kopf kosten, wenn die Gefangenen entflohen sind! Ob Erdbeben oder nicht Erdbeben: Er ist dafür verantwortlich, wenn die Gefangenen weg sind. Da wird nicht nach höherer Gewalt oder so etwas Nebensächlichem gefragt. Wer seine Aufgabe nicht erfüllt, dem gilt keine Gnade im römischen Reich.

Als der Gefängnisaufseher die Türen offen sieht, ist es aus mit ihm. Und hätte nicht Paulus eingegriffen, hätte er sich in sein Schwert gestürzt und wäre damit seinem Urteil nur zuvorgekommen. Seine Panik ist verständlich. „Tu dir nichts an“, ruft Paulus, „wir sind alle hier!“ – Das gibt’s nicht! Das wäre das erste Mal, dass jemand eine solche Gelegenheit nicht genutzt hätte. Er traut der Sache immer noch nicht. Er muss sich wirklich erst einmal selbst davon überzeugen, mit einem brennenden Licht steigt er in die Trümmer und sieht: Es sind alle wirklich noch da. Niemand hat die Gelegenheit zur Flucht ausgenutzt. Der Aufseher versteht die Welt nicht mehr. Er zittert am ganzen Körper, schreibt Lukas, er fällt Paulus und Silas zu Füßen und sagt: „Liebe Herren, was muss ich tun, dass ich gerettet werde?“ – Die Antwort, die er erhält, ist die gleiche, die wir alle auf diese Frage erhalten. „Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig!“ ‒ So einfach ist das. Glaube an den Herrn Jesus, und du wirst die Seligkeit empfangen.

Gott öffnet Türen, wo niemand es erwartet. Er tut es durch das schlichte Zeugnis, durch den schlichten Lobgesang zweier Männer. Gott öffnet Türen manchmal mithilfe von Katastrophen, unter polit. Tyrannen, manchmal indem er in einem Lande das Unterste zuoberst kehrt. Die Kirche wächst heute überall dort, wo die Machthaber die Türen über Jahrzehnte mit Gewalt zugehalten haben. Wo man Gott zum Feind erklärt und die Christen verfolgt hat.

Eine letzte, wichtige Sache fehlt noch. Paulus und Silas werden in das Haus des Aufsehers geführt. Sie werden hineingebeten. Ihnen wird eine Behandlung allererster Güte zuteil. Ihre Wunden werden behandelt, die Striemen abgewaschen und desinfiziert. Und dann hört man im Hause des Aufsehers Gottes Wort. Es ist wichtiger als das beschädigte Haus, es ist wichtiger als das zerstörte Gefängnis, es ist wichtiger als der berufliche Fortgang. Das Wort vom gekreuzigten und auferstandenen Herrn, der für die Sünden der Menschen gestorben und auferstanden ist. Der möchte, dass viele Menschen ihn anerkennen als den Herrn und Heiland der Welt.

„Und der Aufseher ließ sich und sein Haus sogleich taufen“, lesen wir. – Geht das nicht ein wenig zu schnell? Und werden gleich alle getauft, mit Mann und Maus? – Offenbar genügt Paulus das Bekenntnis zum Herrn Jesus. Was sonst noch in dieser besonderen Nacht im Hause des Aufsehers gesagt, gebetet und gesungen wurde, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass hier durch das Zeugnis zweier Menschen eine Familie zum Glauben kam und durch die Heilige Taufe ins Reich Gottes eingegliedert wurde. Der Abschluss: „Er deckte ihnen den Tisch und freute sich mit seinem ganzen Hause, dass er zum Glauben gekommen war.“

Gott öffnet Türen und Herzen. Er tut es durch seine Mittel, auch durch Katastrophen. Wir erleben auch dieser Tage, dass in diesen Corona-Zeiten Menschen ins Nachdenken kommen. Und dass sie in Berührung kommen mit dem Wort Gottes. Vielleicht durch das Internet, vielleicht durch andere Menschen, vielleicht durch das schlichte Lebenszeugnis von Gemeindegliedern in Gebet und Lobgesang. Er wirkt Wunder, der lebendige Gott! Amen.

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