Skip to Content

Predigt  2. So. nach Trinitiatis, 21.6.2020

21. Juni 2020 • Marlies

 

Matthäus 11,25-30

Zu der Zeit fing Jesus an und sprach: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies Weisen und Klugen verborgen hast und hast es Unmündigen offenbart. Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen. Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will. Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.

Liebe Schwestern und Brüder,

mit einigen Bibelstellen verbinden viele von uns ganz besondere Erinnerungen. Der Spruch aus diesem Predigtwort, zu den ich eine ganz besondere Erinnerung habe, ist der sog. „Heilandsruf“: „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“ Matth. 11 Vers 28. Und meine Erinnerung ist, dass mir dieser Spruch zu heftigen Rückenschmerzen verholfen hat. Rückenschmerzen.

Folgendermaßen kam es dazu. In meiner Heimatgemeinde, Stellenfelde im Kreis Verden an der Aller, stand über der Kirchentür dieser Spruch. Die St. Matthäuskirche, so wurde sie genannt. Ein weißes Kirchlein. Als das Gebäude einen neuem Anstrich bekam, wurde der in den Putz über der Tür eingravierte Spruch überstrichen. Weiß, versteht sich. Er war nur noch lesbar, wenn man wusste, dass er dort stand. „Man müsste die Buchstaben wieder mit schwarzer Farbe nachziehen, dann könnte man es wieder lesen“. So hieß es über einige Jahre hinweg. So ist das mit den Sachen, die unter die Überschrift „Man müsste mal“ fallen. Nichts ist eben haltbarer als gute Vorsätze. Irgendwann habe ich dann bei gutem Sommerwetter diese Sache umgesetzt. Von der Leiter aus habe ich jeden der altdeutschen Buchstaben mit einem kleinen Pinsel und schwarzer Wandfarbe wiederhergestellt. Auch den Rahmen um den Spruch und die angegebene Bibelstelle: Matth. 11, 28. Das hat gedauert. Die Sonne kam ums Haus, es wurde heißer und heißer. Schließlich stand ich ohne Hemd auf der Leiter, anders war’s nicht auszuhalten. Wenigstens ein wenig kühler Wind war da. Nach vier Stunden war die Arbeit getan, ich fuhr nach Hause.  An diesem Abend lernte ich, was es heißt, Rückenschmerzen zu bekommen. Die komische Haltung auf der Leiter, die heiße Sonne im Rücken und der kühle Wind haben dafür gesorgt, dass es dazu kam. Und zwar richtig heftig. Immer wenn ich in den Folgejahren den Spruch sah, fielen mir die Rückenschmerzen wieder ein. Die „Mühseligen und Beladenen mit Rückenschmerzen“. Jedenfalls: Der Spruch war wieder gut lesbar. Und es fiel sogar manchen Gemeindeglieder auf, was ja auch nicht selbstverständlich ist.

Der Heiland ruft die Mühseligen und Beladenen. Sie sollen kommen, sollen sich Erleichterung verschaffen und ihre Lasten bei ihm abladen. Alle Sünder sind ihm willkommen. Die von den Zäumen und Gassen. Die sind zu ihm gekommen. Die Gescheiten und Klugen weniger, eher überhaupt nicht. Die Sünder, die sind gekommen.

Bei uns im Esszimmer in der Usedomer Straße steht auf dem Schrankbord ein kleines Schild: Alle Sünder willkommen. Ein kleines emailliertes Blechschild. Eines unserer Kinder hat es irgendwo aufgetrieben und mitgebracht: „Alle Sünder willkommen“. So kann man das zusammenfassen, was der Herr Jesus Christus seinen Zeitgenossen zugerufen hat. „Alle Sünder willkommen!“

Ein erstes Beispiel: ‒ In unserer Gemeinde in der Schwarzburger Straße in Marzahn steht dieses Schild auch: „Alle Sünder willkommen!“ Wer den ersten Pastor dieser kleinen Gemeinde, Hartwig Neigenfind, einmal kennengelernt hat, der weiß, dass das für ihn mehr war als nur ungewöhnliche Reklame. Das war wirklich so gemeint. „Alle Sünder willkommen!“

Nur 10 % der Marzahner gehören zu einer Kirche, geschweige denn, dass sie in einen Gottesdienst gingen. Aber Pastor Neigenfind ging es ja auch besonders um die übrigen 90 %. Und – Wunder Gottes – irgendwie hat er den richtigen Ton getroffen, konnte für Menschen in der Nähe der neuen kleinen Gemeinde so da sein, dass sie auch anfingen auf das zu hören, was er zu sagen hatte. „Alle Sünder willkommen!“ eben. Die Weisen und die Klugen kamen erst später, kamen, um darüber zu staunen und sich mit zu freuen über das was Gott unter den dortigen Unmündigen getan hatte. Nichts wussten sie am Anfang, nichts von der Schöpfung, nicht die zehn Gebote, nicht die Weihnachtsgeschichte und nicht das Vaterunser – einfach nichts, nichts von alledem, was Gottes Geschichte mit uns Menschen, so wie sie in der Bibel aufgeschrieben ist, ausmacht. Aber das machte nichts. Sie waren ja willkommen. Alle! „Alle Sünder willkommen!

Und vielen konnte man ansehen, dass sie zu den Mühseligen und Beladenen gehören. Und so haben sie in der Gemeinde eine Verteilstelle von Laib + Seele eingerichtet für all diejenigen, bei denen am Ende des Geldes immer viel zu viel Monat übrig ist. Es gab eine Sozialsprechstunde für die, die drohten, durch alle Raster staatlicher Hilfe zu fallen. Die meisten Menschen können nämlich nicht ruhig schlafen, wenn ie nicht wissen, ob sie morgen noch ein Dach über dem Kopf haben, oder wovon sie das nächste Brot kaufen sollen. In der Missionsgemeinde Schwarzburger Straße waren sie alle willkommen – und bei Jesus sind sie es auch.

Die zweite Station, von der ich heute erzählen möchte, ist das polnische Stettin, genauer gesagt: das zu Stettin gehörende Dörfchen Finkenwalde. Wer heute dorthin fährt, findet dort eine kleine Gartengedenkstätte. Das Haus, in dem Sünder willkommen waren, wurde 1945 abgerissen. Von 1935 bis 1937 war dort das Predigerseminar der Bekennenden Kirche zur Ausbildung angehender Pfarrer. Direktor war der Theologieprofessor Dietrich Bonhoeffer. Dietrich Bonhoeffer hat ein bemerkenswertes kleines Büchlein über das gemeinsame Leben der Vikare und ihrer Ausbilder geschrieben.

Da waren junge Leute beieinander, die wirklich fromm sein wollten und die dafür auch die Verfolgung durch die staatlichen Machthaber in Kauf nahmen. Bonhoeffer schreibt, wie schwierig es trotzdem ist, zu wirklicher Gemeinschaft miteinander zu finden, ja, dass der „Durchbruch zur Gemeinschaft nicht erfolgt, weil sie zwar als Gläubige, als Fromme Gemeinschaft miteinander haben, aber nicht als die Unfrommen, als die Sünder. Die fromme Gemeinschaft erlaubt es ja keinem, Sünder zu sein. Darum muss jeder seine Sünde vor sich selbst und vor der Gemeinschaft verbergen. Wir dürfen nicht Sünder sein. Unausdenkbar das Entsetzen vieler Christen, wenn auf einmal ein wirklicher Sünder unter die Frommen geraten wäre.“

Es war ein langer Weg für jeden einzelnen, sich selbst und den anderen einzugestehen, dass die Worte „Ich armer, elender, sündiger Mensch“ nicht nur einfach so dahingesagt sind, sondern dass eine bittere Wahrheit in ihnen steckt. Aber ihrem Lehrer Dietrich Bonhoeffer waren die jungen Vikare auch als Sünder willkommen, alle. Und gerade so haben sie gelernt, demütig zu werden und sanftmütig – und dann später in ihren Gemeinden ein weites Herz für alle zu haben. „Alle Sünder willkommen!“ Im Finkenwalder Predigerseminar waren sie alle willkommen, denn bei Jesus sind sie es auch.

„Alle Sünder willkommen!“ Eine weitere Station ist ein kleines brandenburgisches Städtchen zwischen Berlin und Leipzig mit dem schönen Namen Brück. In der Mitte des Ortes steht die Lambertuskirche, die nach dem großen Stadtbrand vor 300 Jahren gebaut wurde. In dieser evangelischen Kirche gibt es zwei Besonderheiten. Viele Jahrzehnte lang haben Gemeindeglieder sich gefragt, was wohl die beiden Logen links und rechts vorn in der Kirche zu bedeuten hätten. Es stellte sich dann heraus, dass es sich um echt evangelische Beichtstühle handelt. Offenbar war den Stadtvätern, genauso wie Martin Luther, die Beichte so wichtig, dass sie zwei Beichtstühle eingebaut haben. Die Beichtstühle sind so gebaut, dass Beichthörer und Beichtender nebeneinander sitzen und sich sehen können. Denn beide sind Sünder und brauchen die Vergebung Gottes.

Seit Kurzem werden die Beichtstühle wieder öfter benutzt. Menschen kommen, um vor Gott und einem Menschen Schuld abzuladen. Auf der Internetseite der Gemeinde steht dazu: „Jeder, ob Christ oder Atheist, sollte von Zeit zu Zeit sein Gewissen und seine Seele reinigen. Dazu kann die Beichte dienen. Bevor man zur Beichte kommt, kann man sich vorbereiten. Wenn man z. B. die 10 Gebote durchschaut und sich fragt, wo man da Last auf sich geladen hat. Jeder Geistliche im Dienst der Kirche ist gern bereit die Beichte abzunehmen, ob mit oder ohne Beichtstuhl.“ Es heißt in der christlichen Gemeinde immer: „Alle Sünder willkommen!“ Im Beichtstuhl in Brück, wo dieses Schild weit sichtbar angebracht ist, sind sie alle willkommen, denn bei Jesus sind sie es auch.

Ein Letztes: In einem Interview hat eine bekannte Kirchenfrau in England vor Kurzem erzählt, dass sie bei einem christlichen Musikfestival in England gefragt wurde, was Jesus wohl über die Kirche von heute denken würde. Ohne zu zögern hätte sie gesagt: „Ich denke, er würde sich wundern, warum wir nicht mal ansatzweise so viel über die Vergebung der Sünden sprechen wie er! Heilung, Freiheit, Vergebung – das waren die wichtigen Dinge, die er getan hat und von denen er uns gesagt hat, dass sich alles darum dreht.“

„Kirche“, sagt die Kirchenfrau weiter, „ist ein Platz, wo man seine Lasten ablegt, wo man wissen darf: Es gibt nichts, was du tun kannst, damit Gott dich noch mehr liebt. Jesus ist für die Sünder gekommen. Deshalb habe ich nie verstanden, warum Sünder in der Kirche sich nicht trauen, dazu zu stehen, dass sie wirklich Sünder sind. Das macht überhaupt keinen Sinn. Wenn man sich mal anschaut, mit wem Jesus sich umgeben hat – das waren nicht die Heiligen, nicht die Leute, die alles verstanden haben, was Jesus gesagt hat. Es waren nicht die Akademiker, die gute Begründungen und Argumente für alles hatten, nicht die religiösen Autoritäten. Es waren echte Menschen, die ein schwieriges Leben hatten und nicht alles hinbekommen haben. Für die ist Jesus gekommen.“ Für die Sünder eben.

„Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, so stand es über der Tür meiner Heimatkirche. Es zwickt mich nur selten im Rücken, zum Glück, aber wenn doch, dann denke ich an diesen Heilandsruf. „Alle Sünder willkommen“, wirklich alle. Christus ist gekommen, Sünder selig zu machen. „Alle Sünder willkommen“. Amen.

 

 

 

Categories: Allgemein, ANgeDACHT